Rezensionen zum Roman Kybele

... dem Debüt Roman von Elmar Woelm

Karin Steinberg-Berge, Otterfing
... Elmar Woelms Sprache ist so klar, wie die Wasser die er beschreibt, so bildhaft, dass man die Bäume des Waldes vor Augen hat, so feinfühlend, dass man Freud und Leid der Elisabeth/Kybele miterlebt...
Die vollständige Rezension finden Sie auf der Homepage von Frau Steinberg-Berge (http://www.atelier-karin-steinberg-berge.de/karins-buecher-club/rezensionen-einzelner-titel/)

Stadtblatt, Osnabrücks Illustrierte, August 2001
Jörg Ehrnsberger
Die Verlagsbeilage von Kybele, dem Debüt Roman des Osnabrücker Autors Elmar Woelm kündigt einen „spirituellen Roman voller Lebensweisheit, mit einer Mischung aus Realität, Märchen und Fantasie“ an.
Ich lehnte mich zurück, bereit mich ein wenig von Elfen und anderen guten Geistern durch die Ewigkeit treiben zu lassen. Aber aus dieser sanften Reise wurde nichts, denn auf der Verlagsbeilage stand außerdem noch „spannend“. Da aber dieser Begriff inflationär verwendet wird, hatte ich ihn überlesen.
Das war unvorsichtig, denn das Buch war derart spannend und packend geschrieben, dass ich es für drei Tage kaum aus der Hand legen konnte und Elisabeth, die Protagonistin auf ihrer Reise begleitete:
Durch ein magisches Stück Holz lernt Elisabeth mit Bäumen und Elementen der Natur und so auch letztlich mit sich selbst, zu kommunizieren. Als eines Tages ihr Bruder verschwindet, begibt sich Elisabeth auf die Suche nach ihm. Diese Suche entpuppt sich als eine Suche nach ihrer Vergangenheit, nach ihrem wahren Ich.
Dabei reist sie durch Stadt und Land einer mittelalterlich anmutenden Welt, wobei sie sich mit Problemen und Gefahren herumschlagen muss, die durchaus diesseitig sind. Die äußere Reise, die Elisabeth begonnen hat, wandelt sich zunehmend in eine innere Reise und das Ziel ihrer Suche liegt an einem gänzlich anderen Ort, als sie zu Beginn der Reise annahm. Und doch kommt sie an.
Ich habe selten ein Buch gelesen dass ein so sanftes Thema so spannend verpackt.

Professor Dr. Thomas Keller, Universität der Provence, Aix en Provence
(August 2001)
Welche Gattungsbezeichnung soll man dem Buch „Kybele“ geben? Etiketten wie Fantasy-Roman, Initiationserzählung, Märchen treffen einzelne Aspekte, aber nicht das Ganze. Auf einer ersten Ebene ist der Text die Geschichte einer Geschwisterliebe. Elisabeth alias Kybele will ihren von einer Zauberin entführten und in ein Schwein verwandelten Bruder wiederfinden und in die menschliche Existenz zurückführen. Auf einer tieferen Ebene setzt die Erzählung von der Rettung Entwicklungsphasen des Mädchens, dann der Frau Elisabeth/Kybele um. Wie bereits die Verzauberung des Bruders zeigt, reißt der Text Grenzen zwischen Ding (Natur) und Mensch, Tier und Mensch und Mensch und „übernatürliche“ Wesen ein. Sprechendes Holz, in Tiere verzauberte Menschen und Elfen bevölkern wie selbstverständlich den Roman. Auffällig ist dabei, dass dieser Bruch mit einer „realistischen“ Darstellung mit einer äußerst präzisen Beschreibung von Natur, von Bäumen und anderen Pflanzen einhergeht, die von der nicht nur botanischen Fachkenntnis des Autors zeugen. Der Übergang von Pflanze zu Mensch ist positiv besetzt, derjenige vom Tier zum Menschen eher negativ. Gerade Wissen aber ist es, dass sich im Entwicklungsgang der Protagonistin als Falle erweist. Nicht nur Spezialwissen, auch Wissen als Zugang zur Realität schlechthin. Es verstellt die Sicht auf die Unsichtbaren wesentlichen Kräfte, wie Elisabeth als Fazit ihrer Lehrjahre beim Illusionskünstler einsehen muss.
Ein weiterer Abschied ist derjenige von der christlichen Welt. In der Distanzierung von der ängstlich-unterwürfigen Frömmigkeit der Mutter, vom geilen, die Beichtsituation ausnutzenden Pfarrer gehen wohl sehr persönliche Erfahrungen in die Erzählung ein. Nicht schlechthin aber wird das Christentum verworfen, wie das Portrait des Pfarrers, der zur Errettung Elisabeths beiträgt, insbesondere aber die Figur des Begleiters Peter demonstrieren. Der Namenswechsel von Elisabeth zu Kybele, auch die Deutung der Figur Peter, der der über die christlichen Jahrhunderte verfolgten Göttin der Fruchtbarkeit in der Not beisteht, signalisieren, dass „heidnische“, insbesondere weibliche Elemente die herkömmliche Religiosität verändern und in Spiritualität verwandeln sollen. Traumszenen legen ein Fortwirken verschütteter vorchristlicher Erfahrung in Reinkarnation nahe, deren eine Elisabeth bzw. Kybele ist. Zu dieser Wiedervereinigung gehört auch die Überwindung des Dualismus von gut und böse. Solange Kybele in trennenden Schwarz-Weiß-Kategorien denkt und die böse Zauberin bekämpft, kann sie die Kraft der Verwünschung nicht besiegen und ihren Bruder nicht befreien.
Die Figur des Alten zeigt eine gelassene Existenzweise, die Realität in ihrer Widersprüchlichkeit stehen lässt – jenseits von Gut-Schlecht-Polarisierungen. Schließlich trifft Elisabeth/Kybele mit Tilo auch die Liebe, die Erlösung ihres Bruders aber scheint ihr zu misslingen. Dass sie unterliegt und dennoch den Bruder und den Geliebten zum Schluss am Elternhaus wiederfindet, mag ein allzu glatter Schluss sein.
Verblüffend an diesem Text ist neben der genauen Naturbeschreibung, dem durchgängigen Spannungsbogen vor allem die Fähigkeit des männlichen Autors, sich in eine heranreifende Frau einzufühlen. Zu den schönsten Szenen dürfte die zarte Szene des ersten Vollzugs der Liebe zählen, in der Scheu und Begehren sich mischen...