Der Windvogel

Als ich noch zur Schule ging, liebte ich es nicht, mit Mädchen zusammen zu sein. Vielmehr liebte ich es, mit stärkeren Kameraden durch das Land zu streifen oder allein zu bleiben. Aber das konnte Eva nicht begreifen. Was machst du immer da unten am Haselstrauch?, hatte sie einmal gefragt. Ich höre den Wind und sehe wie die Nebel ziehen und dann der Schrei der wilden Krähen, wenn schließlich noch so eine handvoll von herbstlichem Ruch über die Hügel kommt..., so antwortete ich. Doch auch das begriff Eva nicht. Gehst du heute wieder dahin?, hatte sie mißtrauisch gefragt. Nein, log ich einfach und sah an ihr vorbei. Ich war ärgerlich, denn vor Tagen hatte sie unentwegt dabei gestanden, als ich an meinem Windvogel bastelte und lauter dumme Bemerkungen gemacht. Du mußt ein Gesicht darauf malen, hatte sie gemeint. Mir lag nichts an einem Gesicht, darüberhinaus würde es unerträglich sein, im herbstlichen Silberdunst des Himmels ein Gesicht hängen zu sehen, das ich an der Schnur hielt. Aber einen Brief könntest du gelegentlich da hinauf schicken, hatte Eva unbeirrt weitergebohrt. Nun ja, über den Brief ließe sich reden. Später hatte Eva beim Haselstrauch gestanden und meinen Bemühungen um den Windvogel zugesehen. Er wollte und wollte nicht steigen. Eva hatte gelacht und um das Maß des Erträglichen voll zu machen gefragt, ob sie einmal mit ihrer Puste nachhelfen solle. Von dieser Stunde an beschloß ich erst recht, alle Weibsbilder, an erster Stelle Eva, zu verachten. Soviel Bosheit war in meinem jungen Gemüt nicht zu verarbeiten.

An einem anderen Tag wehte ein prächtiger Wind. Damit Eva nicht beobachten konnte wohin ich ging, nahm ich den Weg hinter den Hecken. Der Haselstrauch verbarg mich gut und wenn erst der Vogel oben war, konnte nichts mehr geschehen. Vom Wind getragen hob er sich herrlich ab und die Schnur glitt mir durch die Finger. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Später stand er ganz oben, wo die Luft schon diesig war, nur noch ganz leise hörte ich hin und wieder seine pergamentene Haut knistern. Toni!, hörte ich plötzlich vom Hügel herab rufen, hast du nicht mehr Schnur? Ich war eigentümlich freundlich gestimmt und hätte Eva gern etwas Gutes gesagt. Flugs kam sie den Hügel heruntergesprungen und ihr Rock wehte wie die Flügel eines späten bunten Schmetterlings. Als sie bei mir war, sah sie ganz still und andächtig nach oben. Der ist aber hoch, staunte Eva und preßte ihre kleine Faust gegen den Mund. Lange Zeit waren wir still. Du, jetzt schwankt er!, rief Eva plötzlich. Ja, der Wind war böig geworden. Willst du nicht mal einen Brief hinauf schicken, Toni? Ich zog ein Gesicht und sah auf ihre Faust. Hast du keinen Brief?, fragte sie hinterhältig. Nein, ich hatte keinen. Du vielleicht, Eva? Hm. - Schick ihn ruhig rauf, wenn du einen hast. Du darfst ihn aber vorher nicht lesen, Toni! Stell dich nicht so an, schick ihn nur selbst. Der Windvogel schwankte jetzt mächtig hin und her. Mach nur schnell, Eva, sieh doch, ich brauche ihn dringend! Ja, wenn es denn sein muß, sagte Eva und nestelte die Schnur durch das Papier. Aber nur, weil du ihn so dringend brauchst, fügte sie hinzu. Der Brief glitt an der Schnur schnell nach oben und wir sahen ihm glücklich nach. Ich hätte gerne gewußt, was Eva darauf geschrieben hatte.

Der Wind wurde stärker, da begann ich, den Windvogel einzuziehen, langsam Meter um Meter. Eva half kräftig mit. Plötzlich hielt sie inne. Und wenn du ihn aber unten hast..., sie stockte, dann wurde sie blutrot, ließ die Leine fahren und rannte davon. Als ich ihren Namen rufen wollte, spürte ich plötzlich nichts mehr in der Hand. Die Schnur war gerissen und der Windvogel ging davon. Ich zog und zog wie im Traum, dann sah ich langsam das abgerissene Ende der Schnur auf mich zukommen. Im Haselstrauch sang laut und aufgeregt der Wind, die Wolken stoben fern über die Hügel und waren fast strahlend golden vom herbstlichen Licht.