Das Mädchen mit der Flöte

Sten Woelm

An dem letzten Tag, den sie für sich gemeinsam hatten, zeigte er ihr auf ihren Wunsch, den bunten, glitzernden und kreisenden Trubel des kleinen Jahrmarktes und sie streckte die Hände danach aus, als seien es alles Blumen, Blumen einer anderen Welt, die riefen und jubelten in seltsamen, manchmal blechernen, manchmal näselnden Gesängen. Und die vielen Menschen wogten dazwischen und schwangen in verschiedenen Rhythmen mit, als sei es ein seltenes, betörendes Wunder, das sich da vollziehe. Nur ein Schreier bisweilen, mit mehr Mund als Antlitz, neben einer großen, kreisenden und knarrenden Scheibe, riß die Köpfe enger zusammen und ließ sie gespannt warten, während die Melodien sich weiter voll Überfluß auf engstem Raum durcheinander drängten. ­

Sie saßen unter einem hellblauen, silberbesternten Himmel, in einer Wolke, die sich mit auffrischender Orgelmusik hob und senkte, wie die weißen, spiegelbeschnallten Holzpferde es taten, auf denen Kinder und Erwachsene saßen. Sie hatten alte Gesichter, die in ihrer eigenartigen Einfalt und im kreisenden Drehen nicht zu unterscheiden waren.­ "Ist es dies, was wir wollten, heute?", fragte Vira. Er sagte nichts und spitzte nur den Mund zu jener Schlagermelodie, die sie eben mit dem Karussell verlassen hatten. "Sei nicht häßlich", bat sie. Da nahm er bald seinen Arm um ihre Hüfte und schob sie weiter an den Menschen vorbei und durch den Lärm hinaus. Die Sonne stand hoch und warm in einem blauen Himmel, mit weißen Wolken, die langsam hinaus in die Welt zogen, aber keine silbernen Sterne. Nur ein Ballon, bunt und lustig, hob sich hinauf, als sei er gerufen, endlich einem größeren Willen zu folgen, als dem eines Kindes und war bald nur noch ein kleiner Punkt zwischen Wolken und Blau. Wie laut und unbekümmert ging hier unten doch das Leben weiter! ­

Der Platz öffnete sich, eine Heckenreihe bot einen schmalen Weg. Hier noch ein Zelt, eine Schaubude daneben, sie machte keinen Lärm und wurde nur wenig beachtet. Zuletzt noch ein kleiner Stand, ein alter Mann mit wenig Garnitur und Gerät. Er blies auf einer kunstvoll gearbeiteten Flöte, die nichts mit einem Jahrmarktstrubel gemein zu haben schien. Auch die Melodie, die der Mann blies, war von anderswo, aus einer lange vergangen Jugend vielleicht, aus einem Traum, der immer nur einmal im Leben wahr wird. Vira blieb stehen und hielt den Freund fest, so daß auch er sich wenden mußte. Es lagen viele Flöten auf dem Tisch und Vira wanderte eine nach der andern mit den Augen ab, während der alte Mann seine stille Weise weiterblies. Aber von drüben klang das Andere dazwischen und war nun noch einmal so laut und voller Disharmonien. Vira beugte sich ganz dicht zu dem Alten, als ahnte sie, daß sein Lied eines sei, das seine letzte Gültigkeit habe, für das, was sie heute noch mit dem Freund erleben durfte. Das Lied war genauso blau wie der blaue Himmel über ihnen und was in den Tönen mitschwang, konnte wohl weiße Wolken genannt werden, vielleicht war es aber auch etwas ganz, ganz anderes, was bisweilen genauso licht und leicht im Herzen steht, nur ­ man mußte es erleben. Die Silbersterne würden später schon hinzukommen. Aber dann würde auch der Himmel dunkler sein, schwer, wie alles Schwere, was in der Nacht geschieht. ­

Vira bat den Freund, ihr eine solche Flöte zu kaufen. Eine aus rosarotem Holz, mit leichter gelblicher Maserung war dabei. Sie hatte dunkelweinrote Klappen und war von seltenem Wert. Der alte Mann verkaufte sie ungern, es war ihm anzusehen, aber schließlich mußte er leben, auch ohne seine Lieblingsstücke oder gerade durch sie. Als er das Geld empfangen hatte und die jungen Menschen gegangen waren, blies er dasselbe Lied noch einmal und Vira wandte sich im Gehen zu dem Alten um. Ein leichtes Nicken ihres Kopfes gab ihm einen Gruß. Er nahm ihn als Geschenk, als Gabe, die meist mehr wärmt, als alles Geld.

Sie gingen hinaus in ein Wiesental, an einem Bach entlang, über einen Blumenbestickten Hang zu einem entfernten Wald. Unter einem großen, herrlichen Vorsommer gingen sie, der mächtig aus dem Blühen drängte. "Was willst du nun mit deiner Flöte?" fragte der Freund. Sie hatten sich ins Gras gesetzt und waren weit fort von Trubel und Menschen und hatten in dieser Stunde nur sich, wie sie es eben in jener Wolke im Karussell schon gewünscht hatten. Nur die Sterne warteten noch unsichtbar hinter dem hellen Blau auf den abendlichen Ruf. "Ich werde darauf ein Lied spielen", sagte Vira und fügte leise hinzu: "ein Lied wie du und ich." Dann setzte sie die Flöte an den Mund, und als seien es kleine Zaubertöne einer seltenen Liebe geworden, kam die Melodie des alten Mannes hervor, der wohl wußte, wie das Leben bisweilen geschieht, wenn zwei beieinander sind.­

Nach einer Weile der Wiederholung brach sie ab und ließ die Hände mit der Flöte in den Schoß sinken. "Nun hast du sie auch von mir gehört. Heute Abend, spät spiele ich sie noch einmal, dann kannst du sie mit hinausnehmen, denn wenn die Sterne über der Melodie waren, dann ist sie gewiß fein gesegnet und du hast einen Talisman, draußen und er Welt. Wenn ein Jahr vorüber ist, dann kommst du sicherlich wieder und lebst und bist gesund und hast mich lieb wie heut." ­

Die Flötenmelodie zog durch ein Jahr, war mit dem hohen Sommer, ging still und andächtig in einen Herbst, der mit dunklen Schauern wehte, durch einen weißen Winter mit starrendem Schweigen und dann langsam wieder einem Frühling zu. Das Jahr war sehr lang. Dazu angefüllt mit Ungewißheit und Sorge. Der Frühling mit seinen Blüten tat seltsam weh in einem solchen Alleinsein und nur die Flöte half, die das Mädchen bisweilen zu den tiefen Stunden blies. Und, war es weil sie einmal geglaubt und dann immer daran festgehalten hatte, wie alles woran wir glauben, auch in Erfüllung geht ­ eines Abends kam ihr ein Echo unter dem Fenster entgegen. Die Sterne standen schon am Himmel und waren eines frühen Sommers voll, den das Mädchen so hoch im Herzen hatte und mehr noch, die Dankbarkeit für einen alten Mann, von dem sie die Flöte und das Lied einst erhalten. Hatte die Melodie sie gestärkt, ein langes Jahr oder das Ewige darin, das sie beide einst mit ihrer ersten Schöpfung erlebten? ­ Sie fragten es nicht mehr.