Heckenrosenlaube

Sten Woelm

Auch vor dieses Kapitel menschlichen Erlebens könnte "es war einmal" gesetzt werden, aber Geschichten, die so beginnen, wurden früher von Leuten geschrieben, die sehr viel Zeit und Geduld hatten und wurden gelesen von jenen, die in manchen einfachen Dingen ein Wunder des Lebens schlechthin sahen. Inzwischen sind viele dieser vermeintlichen Wunder aufgegangen und der Lauf der Zeit hat dafür gesorgt, daß keine neuen hinzugekommen sind. Sollen wir ihr dankbar sein, dieser Zeit, daß sie uns das Leben klarer, weitsichtiger und befreiter machte, sind wir damit reicher geworden oder ärmer? Dürfen wir uns rühmen, Gesegnete dieser Zeit zu sein, oder sind wir Verlorene, vom Zauber entkleidete und nüchterne, allzu menschliche Menschen geworden? ­

Soweit ich in meine Jugend zurückdenken kann, gab es diese stille Laube, die im frühen Sommer schon von kleinen vielblättrigen Heckenrosen über und über bekleidet war. Dem, der zu dieser Zeit darin saß, bot sie einen lächelnden Traum von Rosa, Rot und Licht, so daß die immer noch lange nachher wie eine stille Erfüllung in Gesicht und Betrachtung blieb, einer Freude ähnlich, die lange währt und noch oft, auch in ferner Erinnerung, aufflackert und nicht enden kann, weil sie wahrhaft, gut und rein war. Wie manchen Tag hatte ich dort gesessen, mich an meinen Arbeiten versucht oder ich ließ in einsamer Trauer einen goldenen Tag geschehen, von dem ich im Augenblick noch nicht wußte, daß er immer einer der erhabensten meiner Jugend war. Nicht vom Duft, nicht von den Blüten schlechthin oder weil ich jugendlich mit diesem Zauber schwärmte, war ich befangen und beträumt ­ es war das stille Wissen um die Unberührtheit, um das sanfte Leben ohne Lärm und Tun, um die jährliche, fast grundlos scheinende Wiederkehr dieser Blüten, die sich mit einer Emsigkeit entfalteten, als sei ein mir fremder Trieb in ihnen, der sie zur Offenbarung ihres Geheimnisses drängte. Alles aber, die Ganzheit dieser Heckenrosenlaube, mit ihrer Schlichte, mit ihrem Frieden, schien mir ein Punkt, eine Stelle, ein seltsames Daheimsein, davon ich getrost immer wieder ausgehen konnte auf die Wege, die mein Leben erobern sollten.

So bin ich lange gegangen, recht und schlecht, mit Viel und mit Wenig, mit Liebe und mit Leid, mit Frieden und mit Krieg. Jene aber habe ich im Gedächtnis behalten können ­ ich war lange Jahre von Daheim entfernt. Fast hatte ich verlernt, auf solche Stätten zu achten,weil mit zunehmenden Lebensjahren die Ansprüche der Zeit wachsen und mich genauso einspannten, wie Unzählige mit mir. Wir steckten unsere Besinnung in Maschinen, in Technik und Verkehr, wir ließen uns die Zeit ausfüllen mit Hasten und Treiben und verloren fast den Sinn für die Ruhe an einem Ort, einem, der wirklich Ruhe war. Durfte ich mich Gesegneter nennen oder Vermaledeiter einer Entwicklung, die gigantenartig über mich hinauswuchs, die von mir mehr forderte, als ich ihr geben konnte? War ich noch Mensch, Geschöpf unter Geschöpfen oder war ich nur eine Triebfeder des großen Mechanismus. Leben mit ein wenig Geist, der wie Öl für seine Räder und Gelenke war? Ich weiß es nicht und mir schwindelt auch, wenn ich daran denke, ich könnte mir eines Tages diese Frage beantworten und ich müßte dann erkennen, wie sehr ich inzwischen schon an der natürlichen Welt und Lebensordnung gesündigt habe. ­ Nein, reicher bin ich nicht geworden.

Eines Tages erinnerte ich mich und ein glücklicher Augenblick gab mir auch den Entschluß und bald fuhr ich heimzu. Es hatte sich viel verändert, ich sah es an Straßen und Häusern, empfand es in der Atmosphäre: die Entwicklung, nach dem Guten sowie nach dem Schlechten, war nicht stehengeblieben. Gärten, Obstbäume und Wälder waren weniger geworden, dafür Fabriken und Schlote neu gewachsen. Dem Menschen zu oder dem Menschen nach? fragte ich mich und wollte auch diesmal die Antwort nicht wissen. Ich ging langsam, denn in der Erinnerung stand meine Laube und ich wußte, s i e würde blühen, so wie sie von Ewigkeit her für mich geblüht hatte. Sie würde mir wieder Freude und Licht schenken, von denen ich noch eine leise Ahnung im Gemüt behalten hatte. Wie wollte ich meine müden Sinne dort erholen! Wie wollte ich Einkehr halten in eine vergangene Zeit, in der für mich alles noch langsam wuchs, mit jenem Bedacht der Erde und der Heimat, der so voll Frieden war! ­ Das Haus stand noch wie ehedem, nur seine Farbe war grauer und müder geworden. Aber drüben wo damals die Gärten waren, wo die Obstbäume geblüht und gefruchtet hatten, standen Mauern mit langen Reihen von Fenstern und der Lärm von Maschinen rasselte in meine Stille, auf die ich langsam zugegangen war. Nach meiner Heckenrosenlaube brauchte ich nicht mehr zu suchen, sie war nicht mehr da, nur noch in mir; ich lebte sie mit ihren tausend Blüten glücklich weiter und empfand, daß ich in Wirklichkeit auch nicht ärmer geworden war. Nur ein wenig nachdenklicher, weil da so manches um mich herum geschah, von dem ich lieber gesehen hätte, wenn es einem menschlichen und natürlichen Zweck zugeführt worden wäre, vielleicht der Schöpfung zum Preise und nicht ihr und uns zum Hohne. Der Mensch macht sich arm, dachte ich, wenn er durchaus will, daß er reicher wird. Wenn er nach Gold gräbt, sieht er der Arbeit des Totengräbers zum Verwechseln ähnlich. ­ Der Geist ist immer zwiespältig und das Leben darum nicht minder. Wir wissen nicht mehr, daß Geist einmal Harmonie war, es ist schon zuviel inzwischen geschehen. Seitdem wir entdeckten, daß es eine lachende und weinende Maske gibt, in einem Gesicht, haben wir sie auch schon getrennt, jede für sich genommen, und so haben wir den Zauber dieses Lebensgeheimnisses langsam aber sicher erschüttert.

Vielleicht irre ich auch und habe nur eine Zeitlang zu sehr gespürt, in welcher Weise ich mir selbst das Grab grub.