Frauke H.

Frauke H. stellt sich vor:

Geboren bin ich 1964 und habe einen recht technischen Beruf, was mich
aber nicht daran hindert, mich in meiner Freizeit mit vielen anderen
sehr untechnischen Dingen zu beschäftigen. Und in den Momenten, in denen
die Intuition über den Intellekt siegt, entdecke ich manchmal etwas ganz
Neues. So entstand vor kurzem meine erste und bisher einzige Geschichte,
obwohl ich noch nie vorher eine geschrieben habe


Alle Rechte bei der Autorin

Meine Geschichte

Sonntag

Als ich auf das Haus zu ging und mich selbst auf dem Balkon stehen sah, wusste ich, dass ich tot war. Ich überlegte, wann und wie ich gestorben war, aber ich konnte mich nicht daran erinnern. Ich dachte darüber nach, was ich gestern, vorgestern oder überhaupt in den letzten Tagen gemacht hatte, aber auch daran konnte ich mich nicht erinnern. Genau genommen wusste ich nicht einmal mehr, was ich heute, vor ein paar Stunden oder sogar vor ein paar Minuten gemacht hatte. Wie lange mochte ich schon tot sein? Ich wusste es nicht.
Welcher Tag konnte heute wohl sein, und wie spät war es? Ich schaute mich um. Der Himmel war bewölkt und das Licht seltsam diffus. Unmöglich zu sagen, welche Uhrzeit gerade war. Ich beschloss jemanden zu fragen, dann konnte ich auch gleichzeitig überprüfen, ob ich wirklich tot war, denn war es nicht so, dass die Lebenden die Toten nicht sehen konnten? Aber es war niemand unterwegs. Es fuhren auch keine Autos. Also, folgerte ich, musste es wohl Sonntag sein, da ist in unserer verschlafenen Vorstadt wenig los.

Zu meinen Lebzeiten hatte ich viel über den Tod gewusst. Jetzt musste ich über mich selbst lächeln. Woher hatte ich nur diese Überzeugungen genommen? Jetzt, da ich tot war, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nichts über den Tod wusste. Ich überlegte, ob ich in meine Wohnung gehen sollte. Vielleicht fand sich dort ein Hinweis darauf, wie ich in der Zeit vor meinem Tod gelebt hatte oder wie ich gestorben war.

Als ich vor der Haustür stand, überlegte ich, wie ich hineinkommen sollte. Ich hatte mir vorgestellt, Tote könnten einfach durch die Wand gehen, solange sie nur daran glaubten, sie könnten es. Aber die Wand und die Tür wirkten äußerst stabil. Ich streckte die Hand aus und berührte den Türgriff. Das kühle Metall fühlte sich fest und sehr real an. Vielleicht hatte ich ja doch einen Schlüssel und schob die Hand in meine Jackentasche.
Im Treppenhaus schaute ich mich zögernd um. Alles sah aus wie immer. Auch das Metall des Treppengeländers fühlte sich kühl und wirklich an. In der Eingangsdiele meiner Wohnung wollte ich den Schlüssel wie gewohnt auf das Abstelltischchen legen, aber da war kein Schlüssel. Wie war ich dann in die Wohnung gekommen? Ich erinnerte mich nicht, aber es spielte auch keine Rolle, ich war ja da. Ich war zu Hause. Die Wohnung wirkte vertraut wie immer, aber auch seltsam still und leer, so als wäre ich lange im Urlaub gewesen.

Mir fiel ein, dass ich mich selbst auf dem Balkon hatte stehen sehen und erschrak einen Moment lang. Aber alles war ruhig, und es war niemand da. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Nichts hatte sich verändert. Wie lange mochte ich fort gewesen sein? Ich wusste es nicht. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag eine moderne Übersetzung des Gilgamesch-Epos. Ich hatte es vor Jahren gelesen. Vor Jahren? Wann mochte das gewesen sein? Ich erinnerte mich nicht, es aus dem Regal genommen zu haben. Ich schaute mich im Zimmer um, und mein Blick blieb an den Pflanzen vor dem Fenster hängen. Auch sie sahen aus wie immer. Sie wirkten gesund und frisch. Jemand musste sie gegossen haben, und niemand außer mir hatte einen Wohnungsschlüssel.

Auf einmal fühlte ich mich müde und irgendwie leer. Wahrscheinlich war ich einfach nur überarbeitet und hatte mir alles nur eingebildet. Dies war ein ganz normaler Sonntagnachmittag, und ich brauchte dringend etwas Ruhe. Wie gut, dass ich heute keine Verabredungen hatte. Wann hatte ich eigentlich meine Freunde das letzte Mal gesehen? Ich musste mich dringend bei ihnen melden. Mich immer allein in der Wohnung zu verkriechen, brachte ja auf Dauer auch nichts. Aber all das hatte Zeit bis morgen, und ich beschloss, mir erst einmal mal einen Kaffee zu machen. Wie spät mochte es wohl sein? Ich entdeckte, dass die kleine Pendeluhr im Wohnzimmer stehen geblieben war und schrieb „Batterien" auf den Zettelblock, dessen Blätter mir als Einkaufszettel dienten.

Später saß ich auf dem Sofa und las den Dialog zwischen Gilgamesch und Utnapischtim. „Ich hatte mir gedacht, du sähst wie ein Gott aus. Aber du siehst aus wie ich, du bist keinen Deut anders. Ich wollte mit dir kämpfen, doch jetzt, wo ich vor dir stehe, jetzt, wo ich erkenne, wer du bist, kann ich nicht kämpfen, etwas hält mich zurück. Sag mir, wie kommt es, dass du, ein Sterblicher, den Tod bezwangst und dich zur Versammlung der Götter geselltest und ewiges Leben gewährt bekamst?" (Stephen Mitchell 2006, Gilgamesch)

So ist das eben, dachte ich, wenn man zu viel allein ist und sich auch noch mit Fragen über den Tod und das Leben danach beschäftigt. Da kann die Phantasie schon mit einem durchgehen. Ich musste lächeln, als ich begann mich zu entspannen und den ruhigen Nachmittag zu genießen. Ja, es war ein sehr ruhiger Tag heute. Ich hörte kein Auto vorbeifahren, und selbst die Straßenbahn war nicht zu hören. Langsam breitete sich die Ruhe auch in mir aus, und ich fühlte mich im Einklang mit mir selbst. Alles war im Gleichgewicht. Das Licht, das von draußen herein schien, war immer noch diffus, aber ein schwaches Leuchten lag jetzt darin. Vielleicht würde die Sonne doch noch herauskommen. Ich betrat den Balkon. Alles um mich herum war in ein sanftes Licht getaucht, eine freundliche und doch etwas unwirkliche Stimmung. Dann zog eine langsame Bewegung meinen Blick auf sich, und ich schaute die lange Straße hinunter. Eine Gestalt ging langsam auf das Haus zu. Als sie näher kam, erkannte ich, dass die Person, die dort lief, ich selbst war, und da wusste ich, dass ich tot war.