Dirk Becker

Dirk schreibt über sich:

Am 29. Januar 1954 am Niederrhein geboren (Mönchengladbach). Wassermann nicht nur von Geburt, sondern aus Überzeugung und vom Verhalten (Freiheitsdrang, Phantast/Visionär, Sozialrevoluzzer). Studium der Nachrichtentechnik (ein Studium der Kunst oder Archäologie scheiterte an der Finanzkraft meiner Erzeuger). Im Norden Deutschlands, an der Westküste Schleswig-Holsteins, einem kleinen Dörfchen namens Linden. Seit 20 Jahren verheiratet, 2 Kinder.

Seit 1983 habe ich den 1982 gegründeten Kunstverein Heide maßgeblich mit begleitet und bin seit 1991 dessen Vorsitzender. Es existiert eine eigene Website www.kunstverein-heide.de. Künstlerisch tätig bin ich seit meinem 16. Lebensjahr. Erste Ausstellungen ab 1975. Literarisch tätig ebenfalls seit dieser Zeit. 1979 erschien im Eigendruck eine 25er-Auflage meiner Gedichte (inzwischen vergriffen und verschenkt), dem im Jahre 2000 ein Eigendruck neuerer Lyrik in einer 100er-Auflage folgte. Eine Auswahl findet sich auf meiner Lyrik-Website www.lyrik-gedichte.de.
eMail: dirk-uwe.becker@t-online.de
Homepage: Sprachbilder der Seele (www.lyrik-gedichte.de)

Alle Rechte beim Autor.

Einige Haiku


Spuren fremder Füße
Stören den geharkten Weg
Still ruht dort der Stein

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Samen drängt empor
Wurzel senkt sich tief hinab
Boden trägt beide

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Nachtfalter durchmessen
Unbeirrt im Flügelschlag
Den Tag-Raum der Zeit

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Windrosen blühen
In die Hecke bunt gepflanzt
Morgentau erwacht

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Ein silberner Fisch
Zieht ruhig seine Kreise
Der Reiher wartet

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Wolkenschwarzer Sturm
Bedeckt schlafende Landschaft
Regenschwer ruht Gras

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Der Tau des Morgens
Spinnt Strahlen in die Landschaft
Sie glänzen nur so

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Blattstaub liegt in den
Zweigen der Vergänglichkeit
Spinnweben der Nacht

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Steinzeichen im Meer
Wasserschäumende Gewalt
Bricht Vogelflügel

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Fliegenflirrendes
Lichtglockenspiel der Frühe
Scheidet Tag von Nacht

Herbstspiel

Regen trommelte auf das Fenster. Der Herbst hatte Einzug gehalten und seine Blätter durch die Schindelritzen auf dem Boden verteilt. Er saß auf dem Spitzboden, unter einem bizarr gewebten Netz von Spinnweben, und spielte das “Es ist gut, jetzt!” - Spiel. Die Bodenplanken waren aus Holz. Seine Finger glitten über die alte Maserung. Wie Strassen oder Kanäle in der Landschaft, verzweigend, zueinander stoßend, immer weiter. Er folgte ihnen, bis sie unter einer Wand verschwanden oder an einer Stoßstelle einfach aufhörten. Mit offenen Augen war es einfach, diesen Linien zu folgen. Mehr Spaß brachte es, wenn er sich einen alten Turnsack über den Kopf stülpte und das Verschlussband zuzog. Dann konnte er nichts mehr sehen. Nicht einmal die Maserung auf dem Boden. Seine Finger waren dann seine Augen. Dreidimensionale Augen, die ihm eine völlig neue Welt eröffneten. Mit einem Mal war die Welt der Fußbodenbretter eine Landschaft von Hügeln und Straßenzügen. Es gab seltsamer Weise keine Bäume oder Gebäude dort. Nur gerade flache Landschaft. Aber das störte ihn nicht. Er fuhr mit dem Finger, seinen Augen, diese Landschaft entlang, stoppte, wenn etwas Unerwartetes seinen Weg versperrte. Wie zum Beispiel eine Kiste mit Dominosteinen, die vor Jahrzehnten achtlos hier liegen gelassen worden war. Oder ein Paar alter Rollschuhe – sein Bruder Klaus hatte sie getragen, aber der war schon lange nicht mehr im Haus. Nach der Schule hatte er Arbeit gefunden und war ausgezogen. Manchmal stieß er auch auf etwas völlig Neues. So wie gestern, als sein Finger sich beim Nachfahren der Holzmaserung auf einmal in ein weiches Büschel gruben. Vorsichtig tastete er über das Ding. Es war nicht groß. Pelzig war es, von länglicher Form. Mit einem spitzen Ende und einem langen Band am anderen Ende. Er wusste, dass es eine tote Maus war. Aber hier im Spiel war es ein kleiner Hügel, der in seiner flachen Landschaft dem Finger einen Halt gebot. Er mochte keine toten Mäuse. Sie erzeugten eine tiefe, unendliche Traurigkeit in ihm. Im Leben waren sie so niedlich und huschten auf dem Dachboden von Winkel zu Winkel und bauten sich ihre eigene Welt unter vergessenen Modekleidern, altem Spielzeug und Hausrat, welches nicht mehr in diese Zeit passte. So wie er, der jetzt dieses “Es ist gut, jetzt!” – Spiel spielte. Immer dann, wenn die Kälte und Nässe des Herbstes ihn ins Haus trieb und er sich an seine Mutter schmiegen, ihre Wärme spüren wollte. Sie hatte keine Zeit für ihn, bei ihrem Spiel mit ihren Liebhabern. Dann sagte sie zu ihm: “Es ist gut, jetzt!” – So ging er auf den Dachboden, unter seinen Traumbaldachin aus Spinnennetzen und windschiefen Schindeln. Dort zog er sich den alten Turnbeutel über den Kopf und begab sich wieder auf seine Reise durch die Welt der Fußbodenmaserungen. Er war das Letzte hier im Haus. Das letzte Kind