Verloren

Elmar Woelm

Was sollte er noch tun? Was war nur los mit ihm? War es sein Schicksal, mit dieser immer wiederkehrenden und hartnäckigen Trauer und Schwermut zu leben? Gab es kein Entkommen, kein Entrinnen, keinen Weg, der ihn von dieser schrecklichen Geißel befreien könnte? Was war das Leben dann noch wert? - Sicher, es gab auch schöne Momente, Zeiten des Friedens, der Ruhe und der Schaffenskraft. Dann schien ihm nichts etwas anhaben zu können. Dann war er so stark, so unerschütterlich, so, wie ihn all diejenigen, die nicht zu seinen engsten Freunden zählten, eigentlich nur kannten und einschätzten. Denn die meisten ließen sich von seiner Maske täuschen, die er sich zugelegt hatte. Sie war einmal nötig gewesen, diese Maske, und nun konnte er nicht mehr ohne sie. Wer ahnte schon, welche Qual, welche unerfüllte Sehnsucht in ihm schlummerte. Eine Sehnsucht, die er sich selbst nicht erklären konnte, eine Sehnsucht, dessen Ursprung und Objekt er nicht kannte.
Eine Zeitlang hatte er geglaubt, das alles überwunden zu haben. Aber seit einiger Zeit war es dann umso härter wieder über ihn hereingebrochen. Es kam wie aus heiterem Himmel, unvorhersehbar und mit unwiderstehlicher Kraft. Manchmal war es auch schleichend, heimtückisch und hinterhältig wie eine giftige Schlange.
Er hatte schon so viele Dinge ausprobiert die ihm hätten helfen können. Doch dieses Etwas, das ihn da gefangen hielt, schien geradezu sadistisch sein Spiel mit ihm zu treiben. Bei jedem neuen Versuch lockerte es zunächst seinen Griff, ließ ihn glauben, endlich einen Weg in die Freiheit und ins Glück gefunden zu haben. - Ach, wie herrlich war es dann, die neue Kraft zu spüren! Doch es entpuppte sich schnell als böses Spiel! Immer, immer wieder hatte es ihm früher oder später wieder den Hals zugedrückt, sich bis zum Ersticken auf seine Brust gesetzt, dieses dicke, schwere, fette Etwas.
Würde er es je schaffen, da herauszukommen? Wie viel Therapien sollte er noch ausprobieren, nur um festzustellen, dass er kein Stück vorwärts kam. Dabei fehlte es ihm eigentlich an nichts. Er war körperlich gesund, er hatte sein gutes Einkommen, herrliche Kinder und eine wunderbare Frau!
Wie hatte er in seiner vergangenen Kindheit geforscht, fast jede erdenkliche Methode ausprobiert, war sogar zurück in vergangene Leben gegangen. Er hatte alle möglichen Erkenntnisse gewonnen, doch nichts hatte ihn wirklich befreien können. Manchmal fühlte er sich wie in einer fremden Welt. Er war wohl ein hoffnungsloser Fall. Wahrscheinlich hatte er kein besseres Leben verdient. Er war wohl selbst schuld, auch wenn er es nicht verstand. Vielleicht sollte er doch sein Leben einfach selbst beenden. Aber war das wirklich eine Lösung? Irgendetwas ließ ihn den Gedanken nie zu Ende denken, ließ ihn nie weiter kommen, als bis zu der wagen, weit entfernten Möglichkeit eines Suizids, die ihm doch immer wieder als völlig absurd erschien.
Mit einem tiefen Seufzer raffte er sich auf, einen kleinen Spaziergang zu machen. Eigentlich hatte er auch dazu keine Lust. Alles war so sinnlos. Nichts, was ihm würde Freude machen können. Früher hatte er sich oft bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, aber auch das war sinnlos, machte es über kurz oder lang nur noch schlimmer, und so hatte er damit aufgehört. - -
Draußen war es kalt. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Missmutig schritt er vor sich hin. Der Atem gefror in der Luft. Er folgte den Gassen, hinaus aus der kleinen Stadt. Er wusste nicht, was seine Schritte lenkte, hatte kein bestimmtes Ziel, als er den Weg weiter den Berg hinan, hinaus in den Wald nahm. Wie von selbst beruhigten die Schritte und die Gleichmäßigkeit des tiefen Atems seine quälenden Sinne, ohne dass er es zunächst bemerkte.
Keine Menschenseele war zu sehen. Er war allein hier draußen. Hell glitzerte der Schnee auf den Zweigen der Fichten, die er in sanften Polstern bedeckte. Sein Atem keuchte und das Gesicht färbte sich mit frischer Röte. Längst war alle Schwere von ihm abgefallen. So absichtslos und unerwartet, wie der Schnee, der von den Zweigen rutscht, wenn diese sein Gewicht nicht mehr zu tragen vermögen. Stattdessen war er in eine wohlige Sehnsucht eingetaucht, die obwohl schmerzhaft, ganz und gar nicht unangenehm war. Es war ein Verlangen, dessen Ursache er auch nun nicht erklären konnte, nicht wusste, worauf es sich bezog. Doch er machte sich auch keine Gedanken darum, war einfach nur versunken in diese Erfahrung, die ihn in Kontakt mit seinem Innersten brachte - fast wie ein stilles Gebet, das ihn umhüllte und trug.
Als er so auf diese Weise um die nächste Windung des Weges bog, traf es ihn plötzlich wie ein Blitz. Völlig unerwartet schien ihm die Sonne, die soeben noch durch Berg und Wald verdeckt gewesen, mit aller Macht entgegen. Es durchfuhr ihn wie ein Schock. Es war, als risse mit einem Mal die ganze Welt vor seinen Augen auf wie ein Vorhang, der plötzlich zerreißt und enthüllt, was hinter ihm verborgen war. Die Natur, die Berge, der Wald - als wären sie nur das Bild auf einer Leinwand, die die eigentliche Wirklichkeit verdeckt. Was er sah überwältigte ihn völlig. Sehen war eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Es war eher ein Erleben, ein Gewahrsein, ein Erinnern mit allen Sinnen. Und es war so vollständig anders, als alles sonst um ihn herum. Es hatte nichts, aber auch gar nichts mit der gewohnten Welt zu tun die er kannte und doch schien es ihm so vertraut, so bekannt. Ja, ganz sicher! Er kannte es! Er kannte es!
Die ganze Erscheinung war nur sehr kurz, weilte nur einen Augenblick und doch hätte er nichts über ihre Dauer sagen können, war sie in seinem Erleben irgendwie zeitlos, als seien alle üblichen Naturgesetze aufgehoben. Verwirrt rieb er sich die Augen. Seine Knie zitterten, das Herz raste. Haltlos sackte er auf den Boden, wo er sich in den kalten Schnee fallen ließ.
Was war das? Drohte er nun endgültig verrückt zu werden? Alles stand noch so klar vor seinen Augen, war immer noch so, als wäre er Teil einer anderen Welt. Nein! Das konnte einfach nicht sein! Das konnte nicht sein! Er war zweifelsohne das Opfer von Halluzinationen. Warum mussten sie ihn auf diese neue verrückte Weise quälen?
Vage begann er sich zu erinnern, dass er etwas Ähnliches schon früher erlebt hatte. Aber das war schon lange her und soweit er sich erinnerte nie so heftig und deutlich gewesen wie soeben. Also hatte es ihn doch eingeholt!
Er war noch sehr jung gewesen, sehr jung. Er wusste nicht mehr wann genau er es schon erlebt hatte. Er war noch ein Kind gewesen und hatte noch nicht unter diesen quälenden depressiven Anfällen gelitten. Die waren erst später gekommen. Damals war er noch glücklich gewesen. - Doch nein, das stimmte nicht ganz. Er war schon immer oft ein wenig traurig gewesen, scheinbar ohne jeden Grund. Solange er sich erinnern konnte, hatte er schon eine leise süße Sehnsucht gespürt, eine Sehnsucht ohne Ziel, eine Sehsucht von der er nicht wusste wonach.
Die Erscheinungen waren irgendwann verschwunden, doch seine unerklärliche Traurigkeit war stärker und stärker geworden, hatte ihn gemartert und gequält. Je mehr er sich abzulenken versucht hatte, desto heftiger und heimtückischer schienen die Attacken zu werden.
Und nun drohte er gänzlich überzuschnappen. Er begann Trugbilder für unerschütterliche Wahrheiten zu halten, konnte Schein und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten. Auf merkwürdige Weise standen zwei vollständig verschiedene Realitäten nebeneinander. Die noch so frische Erinnerung an die eine und die andere, eigentlich wirkliche Welt, die er jetzt wieder vor sich sah, die er hören und greifen konnte. Er ließ seine Augen schweifen. Der Schrei einer Rabenkrähe brach durch den Winterwald. Noch immer zitterten seine Knie. Ein Windstoß blies ihm den eisigen Schnee ins Gesicht. Was konnte er noch zweifeln? Ja, das hier, das konnte er fühlen, konnte er hören, konnte er sehen! Wütend begann er mit den Fäusten auf den Boden zu schlagen, griff sich den Schnee und schmiss ihn sich ins Gesicht. Immer wieder, immer wieder. Da! schrie er, siehst du es, siehst du es, siehst du es! Und da und da und da und da! Sein Gesicht brannte und leuchtete feuerrot.
Erschöpft und verzweifelt machte er sich endlich auf den Weg zurück nach Hause. Er stolperte mehr als das er ging. Er sah aus, als wäre ihm der Teufel begegnet und er fühlte sich auch so - geängstigt, gehetzt und verstört. Sein Herz rannte ununterbrochen, der ganze Körper zitterte und eisiger Schweiß stand auf seiner Stirn.
Er bekam nicht mehr mit was geschah, als er schließlich fiel, fiel in ein tiefes schwarzes Loch, ein schwarzes Loch der Unendlichkeit.
Als er wieder zu sich kam, brauchte er eine ganze Weile bis er alles um sich herum wahrnahm und begriff, dass er hier fremd war, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, wo er sich befand und wie er hierher gekommen war. Er lag auf einer Couch und neben ihm im Sessel erblickte er einen Mann, den er nicht kannte, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte - oder vielleicht doch? Er war sich nicht ganz sicher. Auf seltsame Weise hatte dieser Mensch etwas Vertrautes. Es war weniger sein Aussehen, es war ein Gefühl, etwas das er sich nicht erklären konnte.
Wer sind Sie, fragte er. Wie komme ich hierher, und vor allen Dingen, wo bin ich hier?
Ich fand dich auf dem Pfad, den du genommen hast. Du warst ohne Bewusstsein und so habe ich dich hierher gebracht, hierher zu mir.
Der Fremde sprach mit sanfter, klarer Stimme.
Auf dem Pfad? Langsam dämmerte es ihm. Der Berg! Die Sonne! Die Vision! Es schnürte ihm die Kehle zu und seine Augen weiteten sich voll Schrecken.
Du brauchst keine Sorge zu haben, beruhigte ihn der Fremde. Du hast einen Blick ins Licht getan und das ist anfangs nicht leicht zu verkraften!
Was...? Ungläubig sah er den Fremden an. Was meinst du - was weist du davon?
Der Fremde antwortete nichts, sondern sah ihn mit offenem Blick an, ließ die Augen in den seinen ruhen. - Welch ein Blick!
Er kannte diese Augen, doch woher nur. Sie waren so vertraut. Sie waren leuchtend wie die Sterne und zugleich tief wie die Nacht und weit wie die See. - Auge ruhte in Auge. Zwei Herzen, die sich berührten.
Endlose Stille stieg in ihm auf und er gab sich ganz diesem Augenblick hin - einem Augenblick der Unendlichkeit. Er schaute in die Tiefe des Universums, in die Tiefe seines Herzens und je weiter er vordrang, desto klarer spürte er, wie wieder eine starke Sehnsucht ihn erfüllte. Es war eine Sehnsucht voller Schmerz. Doch anders als er es sonst meistens erlebte, konnte er diesem Schmerz nun standhalten, konnte er ihn zulassen. Er war ohne Furcht und so erlaubte er sich ganz einzutauchen in diesen Schmerz, in diese Sehnsucht, und es schien, als würde sie ihn wie einen Wassertropfen mit sich reißen, hinfort spülen in den großen Ozean mit dem er sich vereinte, mit dem er verschmolz, dessen Kind er war.
Plötzlich brach es mit aller Macht aus ihm hervor. Als er sah, als er erkannte, als er wahrhaft fühlte und hörte, konnte er die Tränen der Überwältigung nicht mehr zurückhalten und laut schluchzend fiel er dem Fremden in die Arme, der ihn hielt und sich auch seinerseits ganz der Rührung hingab. - Es gab kein Halten mehr. Die Herzen wurden frei. Ein Tanz der Seelen.
Wie komme ich hierher? Was tun wir hier? Es ist so seltsam! fragt er.
Bald wirst du ganz verstehen, deinen Auftrag beenden und endlich heimkehren, erklärt ihm der Mann. Du kommst aus einem anderen Universum fern von hier. Du und viele andere, ihr gehört zu einer Gruppe von Forschern. Es gehörte zu euren Aufgaben, andere Universen zu bereisen. Bei einer eurer Reisen seid ihr vor langer, langer Zeit auf diesen Planeten gestoßen, auf dem sich Lebensformen befanden, die uns völlig unbekannt waren. Viele von euch waren von dieser Welt und ihren Möglichkeiten so fasziniert, dass es ihnen keine Ruhe mehr ließ. Ihr wurdet von so großer Leidenschaft erfasst an dieser materiellen Form von Leben teilzunehmen, sie zu erfahren und daraus zu lernen, dass euch schließlich erlaubt wurde hierher zu kommen und körperliche Form anzunehmen.
Es war ein gefährliches Unternehmen, denn wenn diese Welt auch so viele neue Möglichkeiten bietet, sie hat auch viele Nachteile und Probleme. Eines davon ist die Sterblichkeit des Körpers, den ihr angenommen habt. Es ist eine Welt voller Schmerz und Leid, voller Verlockungen und schrecklicher Irrwege, eine Welt in der Verneinung und Illusion die Macht haben. All dies bietet zahlreiche Möglichkeiten, die ihr erforschen wolltet. Leider ließ es sich nicht vermeiden, dass ihr mit der Geburt auf dieser Welt fast vollständig eure eigentliche Herkunft vergaßet. Lediglich in den frühen Kinderjahren ist gelegentlich noch eine gewisse Spur der Erinnerung vorhanden. Doch zu dieser Zeit sind alle hier hilflos, hilflos auf die Unwissenheit anderer angewiesen.
Der Tod des Körpers wäre eigentlich der Zeitpunkt der Rückkehr in eure ursprüngliche Heimat und zu eurem wahren Wesen gewesen. Aber das ist nur bei vollem Bewusstsein eurer eigentlichen Identität möglich! Es ist eine fatale Situation und äußerst schwierige Hürde. Ihr wart euch vor eurer Abreise dieser Hürde bewusst. Um euch einen gewissen Anker zu geben, der euch leiten sollte, war es möglich, das, was euch zum Motor, zum Antrieb für eure Reise hierher wurde, auch als Motor wieder heim zu verwenden - eure Sehnsucht! Diese Sehnsucht ist das Einzige, was euch zurückführen kann. Die Sehnsucht nach Hause ist euer Tor. Solange ihr nicht erkennt, wer ihr wirklich seid, werdet ihr nach dem Tod in Unwissenheit umherirren und immer wieder geboren werden. Auf diese Weise hast du bereits zahllose Leben hier verbracht. Schon lange habe ich mich bemüht dir beizustehen – endlich ist es gelungen!
Wir haben nicht gewusst, dass dieses Experiment so fatal sein würde. Nur wenige haben es in der Vergangenheit geschafft heimzukehren. Sie und wir alle versuchen mit allen Mitteln euch Übrigen zu helfen, doch wir können nur wenig ohne eure eigene Bereitschaft tun. Dabei ist diese Welt, in der du dich nun so viele Leben lang befunden hast, absolut nicht real. Es gibt sie eigentlich gar nicht! Alles hier ist nur Illusion, ist ein Produkt der Illusion, ein Produkt eures Verlangens nach dieser Welt. Doch diese Illusion ist mächtig. Sie tut alles, um euch gefangen zu halten.
Aber nun, nachdem du die Wahrheit einmal geschaut und angenommen hast, bist du frei. Du wirst, wie viele andere auch, Vermittler zwischen uns und dieser Welt sein, bevor du mit dem letzten Tod endlich heimkehrst.