Ein Traum

Elmar Woelm

Mein Gott, war das eine Nacht gewesen! Solch ein Traum! Fast ein ganzes Leben schien er dabei durchlebt zu haben. Auf diese Weise wollte er auf keinen Fall alt werden. Träume konnten schon ganz schön verrückt sein. Im Halbschlaf räkelte er sich, zog die Bettdecke über die Schultern und legte sich auf die andere Seite. Er würde schon dafür sorgen, dass er etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfing. Träume enthielten einen Funken Wahrheit, oder sie enthielten wichtige Botschaften, sagte man ja wohl manchmal. Aber welche Wahrheit mochte dieser Traum mit solch einem Scheißleben für ihn schon bereithalten? Sollte es eine Warnung sein? Dann war es ihm gelungen. Aber er würde doch eh nie solch eine Ehe führen, seine Frau so schlecht behandeln und dann auch noch alles kaputt machen. Seine Kinder würden ihn später nicht verachten, da war er sich ganz sicher. Er würde ein guter, liebevoller Vater sein. Drei Frauen hatte dieser Typ im Traum im Laufe seines Lebens verschlissen und jedes Mal geglaubt, beim nächsten Mal würde alles anders werden. Und er hatte sich nicht einmal gewundert, dass er trotz seiner Fähigkeiten immer wieder den Job verloren hatte. Der hatte immer bei den Anderen die Schuld gesucht und nicht gesehen, wie grob und egoistisch er sich seinen Kollegen gegenüber verhielt. Verflixt! – Ein regelrechter Alptraum. Immer wieder von einer Katastrophe in die andere. Er war noch ganz nass geschwitzt. Wie gut zu wissen, dass alles ein Traum war und er hier friedlich in seinem Bett lag. Gleich würde er aufstehen, sich Duschen und dann zur Uni gehen. Klar, er war die letzte Zeit ein wenig nachlässig in seinem Studium gewesen, aber so dämlich, die Uni komplett zu schmeißen, würde er nie sein. Es schauderte ihn noch, wenn er an diesen Trottel dachte, von dem er geträumt hatte. Ja, vielleicht war der Traum eine Art Warnung gewesen, in seinem Leben achtsamer und einfühlsamer zu sein. Aber ihm stand seine Karriere ganz klar vor Augen. Und dafür musste man doch sehen, dass man es irgendwie schaffte besser zu sein als die Anderen. Klar, wie er mit Anna umgegangen war, war nicht die feine Art gewesen, aber musste die blöde Kuh auch immer mit all den Männern rumhängen anstatt zu lernen? Warum sollte er das ausbaden? Manche warfen ihm vor, er sei ein Egoist, aber in Wirklichkeit war das Alles doch ganz anders. Schließlich musste jeder sehen, wo er blieb. Und von Mutter Theresa-Typen hielt er wirklich nichts. Und was Pia anbelangte, die war einfach zu empfindlich. Eine solche Mimose! Warum musste sie immer so schnell beleidigt sein; sie wusste doch, dass er das nicht so meinte. Aber nein, jedes Mal das gleiche Theater! Vielleicht sollte er das lieber beenden. Er hatte wohl bemerkt, dass Jule einen Blick auf ihn geworfen hatte. Dass sie an Silvester mit einander geschlafen hatten, während Pia mal wieder ihre Migräne hatte und zu Hause geblieben war, hatte nicht viel zu sagen, aber im Bett war sie auf jeden Fall klasse!

Tief stöhnte er in die Bettdecke und rieb sich über das steife Glied. Die Morgenlatte! Kein Wunder bei dieser Erinnerung. Aber so fest wie sonst war er heute nicht. Das lag bestimmt an den letzten Szenen des Traumes, wo er schon so alt gewesen war, dass er kaum noch einen hoch gekriegt hatte. Grrrr, ihm grauste bei der Erinnerung. Selten war ein Traum mit so vielen Einzelheiten in seiner Erinnerung geblieben. Und dann noch Altenheim – grässliche Vorstellung. Wie im Flug waren so viele Jahre durch seinen Traum gezogen. Wie das mit Alpträumen so ist, er war froh, aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war.

Jetzt noch mal gepflegt masturbieren und dann auf. Er begann die Vorhaut hin und herzuschieben, aber die Erektion wollte sich nicht recht entwickeln. Alles konnte einem solch ein Traum versauen! Er fühlte sich richtig schlapp, schlapp, wie lange nicht. Dann eben nicht, murmelte er vor sich hin und war gerade im Begriff das Oberbett fortzuschlagen und aus dem Bett zu kriechen, als eine fremde Frau ins Zimmer kam und ihn begrüßte: „Guten Morgen, Herr Müller-Schering! Zeit zum Aufstehen!“ Sie ging zum Fenster und öffnete die Jalousien. Was zum Teufel war denn das? Helles Sonnenlicht durchflutete das Zimmer. Wo war er hier? Nun ging das mit dem Traum schon wieder los! Oh nein!

Schlaftrunken nahm er wahr, dass Schwester Katharina die Bettdecke beiseite schlug, und ihn mit geübtem Griff in die Sitzposition brachte. „Und nun helfe ich Ihnen erst mal bei der Dusche,“ sagte sie. Sein Körper schien sich langsam zu erinnern und er schlurfte mit unsicheren Schritten, unterstützt von Schwester Katharina, zum Bad. Die Beine knickten ihm endgültig weg, als er wirklich verstand.