Der Schmetterling

- Eine alte Zen-Geschichte neu erzählt -
Elmar Woelm

Lio war ein leidenschaftlicher Schmetterlingssammler. In den letzten Jahren hatte er es zu einer stattlichen Sammlung gebracht, in der auch die meisten seltensten Arten nicht fehlten. Sie zählte zu den bedeutendsten Sammlungen der Welt und sicherte ihm einen anerkannten Ruf unter Fachleuten. Immer war er auf der Jagd nach weiteren Besonderheiten für seine Sammlung. Seine Reisen führten ihn selbst in entfernte Winkel der Erde und niemand kannte ihn ohne das unvermeidliche Schmetterlingsnetz, mit dem er die schönsten Falter fing. Es war einfach nicht vorstellbar, dass er einmal ohne dieses notwendige Utensil ausging, um ja keine günstige Gelegenheit zu verpassen.
Was von Außenstehenden eher belächelt wurde, entwickelte sich bald zu einem unerquicklichen Ärgernis und ständigem Streitpunkt in seiner Familie. Ein einfacher Spaziergang im Grünen war schlichtweg nicht denkbar. Ohne Plan und zweckgerichtes Ziel fand es Lio unerträglich und er konnte sich nicht vorstellen, dass das bei anderen Menschen nicht so sein sollte. "Carpe diem" war sein Motto und er widmete jede freie Minute seiner Leidenschaft, die für die Familie nicht viel Zeit ließ.
Bald war es aber so, dass es eigentlich kaum noch etwas Neues für Ihn zu entdecken gab und viele seiner Ausflüge schienen vergeblich zu sein. Schließlich wurde Lio immer unzufriedener, entwickelte sich zu einem stetigen Nörgler und echtem Griesgram. Seine wenigen Freunde zogen sich von ihm zurück und zu Hause hing nun endgültig der Haussegen schief. So vergrub er sich immer mehr in seine Sammlung und die zahlreichen wissenschaftlichen Werke, die in langen Regalen fast jedes Zimmer füllten. Immer schien er auf der Suche. Ja, auf der Suche nach was eigentlich? Er wusste es selbst nicht so recht. - Früher hatte er sich von den vielfältigen, bunten kleinen Lebewesen bezaubern lassen, war glücklich in der freien Natur herumgestreunt und erfreute sich an jeder Minute, die er draußen verbringen durfte. Es war so schön gewesen, der Natur zu lauschen, ein Teil von ihr zu sein und in so vielen kleinen Dingen dem Göttlichen zu begegnen, besonders natürlich seinen kleinen, lustig flatternden Freunden. Wo war all der Zauber geblieben, all die Faszination eines glücklichen Lebens?
Eines späten Abends glaubte er zunächst seinen Augen nicht zu trauen: In einer schon fast vergessenen Fachzeitschrift, die er ganz zufällig zwischen verstaubten Akten wieder gefunden hatte, wurde sein Blick plötzlich von einer Fotografie gefesselt, die einen extrem seltenen Schmetterling zeigte, von dem man lange Zeit geglaubt hatte, er sei ausgestorben. Nachdem bereits einige unbestimmte Berichte von Beobachtungen dieses seltenen Falters in Umlauf waren, erschien hier eine Fotografie, die ein Urlauber kürzlich in Peru gemacht hatte. - Das war es, was ihm noch zu seinem Glück fehlte! Ja, das war es, er konnte es ganz deutlich in seinem Innern spüren! Diesen Falter musste er finden, er sollte die Krönung seiner Sammlung sein. Ein lange nicht mehr gekanntes Gefühl der Erregung erfasste ihn und die depressiven Tage waren wie fortgeweht. Endlich hatte er wieder eine Aufgabe, ein Ziel!
Sofort begann er einen Brief an die Redaktion der Zeitschrift aufzusetzen, um mit dem Autor des Bildes Kontakt aufzunehmen. In den nächsten Wochen war er wieder erfüllt mit der alten gewohnten Aktivität. Seine Lebensgeister und sein Forscherdrang waren geweckt. Der Fotograf informierte ihn ausführlich über alles, was er wusste und zu seiner großen Freude schenkte er ihm einen Abzug des Fotos. Das trug er nun immer bei sich und fieberte mehr und mehr der geplanten Reise entgegen.
Endlich war es dann so weit, die Reise gebucht und die Koffer gepackt. Und nun befand er sich auf dem Flug in ein neues aufregendes Abenteuer, dass ihm die Erfüllung all seiner Lebensträume bringen sollte.
Aber, was so viel versprechend begonnen hatte, wurde bald zu einem Alptraum. Sein erster Besuch in Peru war ein völliger Fehlschlag. Wochenlang streifte er erfolglos durch die Wälder, fragte zahllose Einheimische, aber nie­mand, wirklich niemand konnte ihm weiterhelfen. Nicht einmal jemand, der den seltenen Falter auf der Fotografie erkannt hätte. Völlig niedergeschlagen und entmutigt kehrte er heim, nachdem er seinen Urlaub bereits um mehrere Wochen verlängert hatte. Es war zum Verzweifeln! Nicht der geringste Hinweis, nichts. In den nächsten Jahren machte er noch so manche Forschungsreise, folgte jedem noch so vagen Hinweis, scheute weder Mühen noch Aufwand um seinem Ziel näher zu kommen. Aber alle blieben so erfolglos wie die erste.
So zogen die Jahre dahin. Sein ehemals dunkles volles Haar war inzwischen grau und licht geworden. Tiefe Falten durchzogen sein Gesicht. Er musste diesen Schmetterling finden! Was sollte sein Leben sonst wert gewesen sein?
Nach seiner Pensionierung, seine Kinder waren längst erwachsen und seine Frau hatte sich kürzlich von ihm getrennt, verkaufte Lio sein Haus und zog nach Peru, in die Nähe des Dorfes, wo der Schmetterling vor so vielen Jahren einmal gesehen worden war. Die vielen verzweifelten Jahre erfolglosen Suchens hatten ihn nahezu in den Wahn getrieben. Besessen war er von seiner Idee, die ihn einfach nicht wieder losließ. Nachts träumte er davon, wie er den wunderschönen Falter fand, der aber immer im letzten Moment, als er das Netz heruntersausen ließ, leise vor seinen Augen davon flatterte, der strahlenden Sonne entgegen. So hatte er es tatsächlich bei seiner letzten Exkursion erlebt und das ließ ihm keine Ruhe mehr.
Die Zeit floss dahin und Lio gab schließlich, gebeugt vom Alter, nach und nach alle seine Hoffnungen auf. Gicht und Rheuma machten ihm zu schaffen und das Herz wollte auch nicht mehr so recht. An Exkursionen in die rauen Weiten des Landes war schon lange nicht mehr zu denken. Arge Schmerzen fesselten ihn an die Nähe des einfachen Hauses. Er wusste, dass ihm in seinem Leben nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Wenn Gott es gut mit ihm meinte, vielleicht noch einige wenige Jahre. So vergaß er schließlich sogar, warum er ursprünglich in dieses herrliche Land gekommen war. Wenn er auf seinen Handstock gestützt mühsam die wenigen Schritte in seinen Garten wagte, freute er sich immer über die vielen Blüten dort, ließ sich von dem Gesang der Vögel aus seinem einfachen Alltag entführen und war dankbar, dass er hier sein konnte. Gegen Abend saß er gern in dem alten Sessel auf der Terrasse, trank zufrieden ein Glas Wein und bestaunte immer wieder das Schauspiel der Dämmerung, ständiger Wechsel von Tag und Nacht, von Aktivität und Ruhe - wie überall im Leben - und er wusste, dass alles gut war!
Eines Abends, als er so wieder einmal in seine stille Betrachtung versunken war, huschte plötzlich ein kleiner flatternder Schatten vorbei. Er blickte auf und sah, wie „sein Schmetterling“ sich ganz nahe bei ihm in eine der bunten Blumen setzte...
„Ja, - du bist wirklich wunderschön“, sagte er und lächelte.