Schlangenzauber

Elmar Woelm

Sie liebten sich über alles; damals, bevor der Fluch begann. Jeder von ihnen hätte für den Anderen alles getan, hätte seine rechte Hand, ja, sein Leben für den Anderen gegeben. Und niemand hätte sich damals vorstellen können, daß sich daran je etwas ändern könnte.
Doch eine böse Schlange war eifersüchtig auf ihr Glück und sann darauf, sie zu verderben. Schlangen sind wahre Künstler der Worte, wußtest du das? Und diese Schlange war eine ganz besondere ihrer Art! Ihr Plan war heimtückisch, gemein und es gab kein Entrinnen. Jede Nacht, wenn die Beiden schliefen, eine Zeit, in der sie besonders verletzlich waren und am ehesten bereit für ihre schamlosen Ränke, kam sie heimlich zu ihnen und flüsterte erst dem Einen, dann der Anderen geheime Botschaften ins Ohr.
Zunächst waren die Auswirkungen ihres Tuns noch harmlos, wirkten wie ein kleiner Scherz, ein Versehen. Ein kleiner Versprecher hier, eine Anspielung dort und manchmal auch ein kleiner Seitenhieb, bei dem sich schnell herausstellte, daß er nicht böse gemeint war. Doch bald wurde es ernster. Die Versprecher häufiger, die Anspielungen derber und die Seitenhiebe heftiger. Immer, wenn der Eine dem Anderen etwas mitteilen wollte, sagte er genau das Gegenteil von dem, was er eigentlich wollte. Jeder war über sich selbst verwirrt, aber sobald er begann um den Irrtum aufzuklären, kamen wieder nur genau die gegenteiligen Worte heraus, die das Herz mitzuteilen versuchte! Sie waren nicht mehr in der Lage, das auszudrücken, was sie wirklich fühlten, was sie wirklich meinten. Hilflos schauten sie sich an und solange sie schwiegen, konnten sie anfangs noch ihre Liebe in den Augen des Anderen lesen. Doch wie lange konnte das gutgehen? –
Es ging nicht lange gut, denn bald blitzte der blanke Haß aus ihren Augen. Es war für beide eine Qual. Jeder spürte tief in seinem Innern, wie sehr er den anderen liebte und doch war er nicht in der Lage, das auszudrücken und bald begannen sie wirklich das zu fühlen, das zu meinen, was sie sprachen.
Schließlich trennten sie sich und jeder ging seiner eigenen Wege. Ihre wahre Sehnsucht nach einander führte sie immer wieder einmal zusammen, doch es war zwecklos. Sie verletzten einander, wenn sie sich nahe sein wollten und wußten keinen Ausweg. Irgendwann begannen sie, den anderen für ihr Unglück verantwortlich zu machen und das war der Zeitpunkt, an dem auch der Rest von Liebe verloren ging. Ihr Streit und Haß wurde derartig, daß sie sich fortan aus dem Wege gingen, um sich nicht gegenseitig zu erschlagen.
So ging ihr Leben dahin. Ein Leben voller Haß und Verzweiflung. Als sie sich nach dem Tode schließlich im Himmel begegneten, war ihr Haß immer noch so groß, daß sie gleich aufeinander losgingen, als wollten sie sich zerfleischen. - Doch, oh Wunder, an Stelle der üblichen Worte der Verletzung und der Ablehnung kamen Worte der Liebe und der Anerkennung über ihre Lippen. Statt sich schlagen, fielen sie sich in die Arme – endlich.
Und während sie sich glücklich in den Armen hielten, zischelte vergnügt die Schlange um ihre Füße.