Der Traum einer Raupe

Elmar Woelm

Eine kleine Raupe hatte sich gerade durch all die vielen Blätter gefressen und war so richtig satt. Satt und faul, ja. Sie war nicht gerade hübsch. Sie war es noch nie gewesen, und nun, nachdem sie all diese Blätter verspeist hatte und, man könnte sagen mehr breit als lang war – ja, das gibt’s auch bei Raupen! Na ja, um ehrlich zu sein, war sie sogar fürchterlich hässlich. Aber inzwischen war sie viel zu faul, um sich darüber noch Gedanken zu machen. Überhaupt war sie nicht sonderlich intelligent, sonst wäre ihr das Schicksal, das sie erwartete, sicher erspart geblieben. So tat sie halt was Raupen so tun und ging ihrer unvermeidlichen Bestimmung nach. Die Sonne schien so schön warm, und während sie noch ihren letzten Bissen herunterschluckte, hatte sie, ohne recht zu begreifen was sie eigentlich tat, begonnen, sich in einen seidenen weißen Faden zu spinnen. Einen Faden, so weich und fein, dass er sich wie samten um sie legte und sie ausgesprochen gut kleidete, fand sie. Faden um Faden legte sie um sich, dichter und dichter, und ehe der Tag zu Ende war, war nur noch ein kleiner Spalt für ihre Augen frei, durch den sie schläfrig in die Welt träumte. Sie fand diese weiche, feste Behausung sehr bequem. Ja, richtig gemütlich. Gemütlich und, – es war ein Wunder, dass sie trotz ihrer Einfältigkeit so weit überhaupt denken konnte –, schien ihr doch einen wunderbaren Schutz zu bieten. Einen Schutz vor Feinden, Schutz vor unliebsamen Blicken, Schutz vor Sonne, Regen und Wind. So war es ihr nur Recht, dass sich der Faden weiter spann, sie Schicht um Schicht bedeckte. Schließlich schlief sie ein und träumte einen wunderbaren Traum. Sie träumte, dass sie aufwachte und sie wäre ganz schlank geworden. Sie öffnete den Kokon, der sie auf so wundersame Weise beschützt und verändert hatte, und geblendet von den hellen Sonnenstrahlen, begann sie ihre Flügel auszubreiten und in der Sonne zu trocknen. Wie bunt sie waren, und ihre winzigen Schüppchen in der Sonne glitzerten! Sie schlug mit den Flügeln, schneller und schneller und immer kräftiger, und flatterte schließlich davon. Ein Wunder war geschehen! Aus der hässlichen dicken Raupe war der wunderschönste Schmetterling geworden, den man sich nur vorstellen konnte. Begeistert tanzte sie um die bunten Blumen, ließ sich darauf nieder und sog ihren Nektar ein. Wie herrlich der schmeckte ...!
Dann wachte sie auf. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Doch es musste ziemlich lange gewesen sein, denn inzwischen war sie ganz abgemagert. Schade! Schade, dachte sie, dass es nur ein Traum war. Vielleicht, wenn sie noch ein wenig einnickte, vielleicht würde sie ja den gleichen Traum noch ein wenig weiter träumen – sie würde alles dafür geben! Sie schloss die Augen und versuchte zu schlafen. Aber der Magen knurrte, und je mehr sie ihren Hunger unterdrücke und je mehr sie sich bemühte einzuschlafen, desto weniger wollte es gelingen. Es war so enttäuschend! Nach diesem verführerischen Traum hatte sie nicht die geringste Lust mehr in ihr altes Leben als dicke Raupe zurückzukehren. Sie war so hässlich und die anderen Raupen hatten sie immer ausgelacht und sie einen dummen Kohlkopf genannt ...
Und dann den ganzen Tag fressen müssen, bei Wind und Wetter ... und nicht zuletzt die ständige Gefahr von einem gierigen Vogel verschlungen zu werden ... Nein, wenn sie es sich richtig überlegte, so war es immer noch besser, ganz einfach hier zu bleiben. Hier, wo sie geschützt war und wo sie doch die beste Zeit ihres Lebens gehabt hatte! Vielleicht, vielleicht würde sie ja doch noch einmal diesen wunderbaren Traum ...So unterdrückte sie tapfer den Hunger, bis sie ihn vergaß. Tage-, ja es mag wochenlang gewesen sein, und sie sehnte sich nach ihrem Traum, bis sie schließlich vor Erschöpfung, endlich, endlich begann einzuschlummern.