Der Maulwurf

Maulwurf

Elmar Woelm

So, so. –
Der alte Maulwurf nickte besonnen.
Du möchtest dich ans Ende der Welt begeben!? So, so. –
Wieder nickte er. Die Antwort an seinen Enkel war gut abzuwägen. Gespannt und erwartungsvoll sah dieser ihn an und drängte: Großvater, bitte! Du weist die Antworten auf alle Fragen. Du bist schon so lange auf dieser Welt. Du hast schon so viel gesehen und erlebt. Dein Fell ist grau und deine Hände zittern. An wen sollte ich mich sonst wenden? Ich muss – wenigstens einmal in meinem Leben – ans Ende der Welt gelangen ...!
Weißt du, mein Sohn, dass es ein langer, beschwerlicher Weg ist, den du dir da vorgenommen hast? Niemand weiß, ob und wann du je dein Ziel erreichst und du würdest viele Mühen, Anstrengungen und Entbehrungen auf dich nehmen müssen. Glaube mir, es ist keine einfache Sache, ans Ende der Welt zu gelangen.
Ja, ja, Großvater, ich weiß – egal, was es kostet, ich bin bereit ... Schau, wie viel ich die letzten Jahre trainiert habe, um stark und ausdauernd zu werden. Niemand im ganzen Dorf kann es mit mir aufnehmen. Meine Hände sind groß und schwielig vom vielen Graben und meine Zähne sind scharf und spitz – kein Feind kann mir so schnell etwas anhaben und ich bin flink wie ein Wiesel ...
Das ist wohl wahr, du hast wie kein anderer diesen und die beiden Nachbargärten umgegraben, aber was du dir da vorgenommen hast, ist weit mehr, als du bisher gemeistert hast – weit mehr.
Wieder schaute der alte Maulwurf vor sich hin und seine eigene Jugend glitt vor seinem inneren Auge dahin.
Bitte. Bitte ...!
Er liebte seinen Enkel und hatte Sorge, ihn zu verlieren. Ja, er konnte es schaffen, dachte er bei sich, er konnte es schaffen! Doch wenn nicht? Sein Enkel war noch so jung! Und, bei Gott, er wusste nicht, was er sich da vorgenommen hatte. Nein, das wusste er nicht!
Er schwieg eine ganze Weile und sein Enkel tapste nervös von einem Bein auf das andere.
Gut! sagte der Alte schließlich. Wenn du denn unbedingt willst. Doch zuvor beantworte mir noch eine Frage: Bist du bereit, dein Leben für dein Ziel zu opfern wenn es nötig ist? Deine Familie, deine Freunde, alles was dir lieb und teuer ist, vielleicht für immer zu verlassen?
Der Junge bemerkte wohl den Ernst des Alten und dessen Worte wogen schwer in seiner Brust. Die Antwort kam nicht leichtfertig: Ja, ich bin bereit, Großvater, sagte er mit leiser, aber fester Stimme. Sein Großvater lächelte. Ja, er kannte seinen Enkel. Leichtfertig war er nicht.
Geh Richtung Westen, dorthin wo die Sonne untergeht. Du musst viele Tage und Nächte graben. Bis zum Ende der Welt sind es sieben große Gärten, die du durcharbeiten musst. Und mehr als einen Garten pro Tag wirst du nicht schaffen. Doch hüte dich auf diesem Weg, dass du die Richtung nicht verlierst. Es werden zahlreiche Verlockungen auf dich lauern, die dich irreleiten. Viele Gefahren warten auf dich und oft wirst du den Wunsch verspüren aufzugeben und umzukehren. Tu das auf keinen Fall, denn das wäre dein Ende. Wenn du dich einmal aufgemacht hast, gibt es kein Zurück mehr. Erwäge das gut! Wenn du die sieben Gärten überwunden hast, wirst du auf ein großes, schwieriges Hindernis stoßen. Dies ist die Grenze zum Ende der Welt. Es ist schwer zu überwinden. Du wirst all deine Kräfte brauchen und mehr Ausdauer, als dir je abverlangt wurde. Dazu herrscht dort ein Krach, der deine Ohren schmerzen lässt und deine Nerven zerrüttet! Wenn du dieses Hindernis besiegt hast, bist du am Ende der Welt. – Ja, es soll wunderbar dort sein, am Ende der Welt!
Ein wenig traurig schaute er aus seinen alten Augen und zögerte, seinem Enkel mitzuteilen, was ihn bewegte. Weißt du, sagte er dann, ich selbst habe die Grenze zum Ende der Welt nie überwunden. So sehr ich auch die ganze Welt bereist habe, hier bin ich gescheitert und nur einem glücklichen Zufall habe ich es zu verdanken, dass ich wieder hierher, nach Hause gelangt bin ...
Endlich war es dann für den jungen Maulwurf so weit, und nun wühlte er sich schon den zweiten Tag durch die Gärten. Er erfreute sich seiner Kraft, der die neu gewonnene Freiheit dieser Reise neue, ungeahnte Flügel verlieh. Die Erde war weich, und kaum dass man so schnell schauen konnte, warf er einen großen Hügel nach dem anderen auf, schaute auch wohl einmal kurz mit blinzelnden Augen in das grelle Tageslicht, oder – was ihm schon besser gefiel – in die klare sternbenetzte Nacht. Sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen. Er wollte schon allen zeigen, was für ein Kerl er war! Wenn sein Großvater meinte, die Reise würde sieben Tage dauern – er würde es in fünfen schaffen! Und wieder warf er voller Übermut einen weiteren riesigen Hügel auf. Das musste er sich aber nun ansehen, meinte er, und kehrte um, den neu geschaffenen Berg hinauf. Huuiii, staunte er nicht ohne Stolz, als er oben aus dem Hügel schaute und die fast schwindelerregende Höhe entdeckte, auf der er sich befand. Er gönnte sich eine angemessene Verschnaufpause und verschwand dann wieder in seinem Gang, um weiter zu graben.
So vergingen zwei weitere Tage und langsam begann er doch die Anstrengung zu spüren. Zudem wurde der Boden zusehends fester und schwerer zu durchdringen. Er kam immer langsamer voran. Zunächst glaubte er, das Ende der Welt müsse wohl ganz nah sein, da es so schwer wurde und er strengte noch einmal all seine Kräfte an. Doch bald musste er einsehen, dass es so nicht weiterging. Er musste sich mehr Ruhe gönnen, mochte das Ende der Welt noch so nahe sein. Erschöpft hielt er inne, grub sich an die Oberfläche und begann ein wenig Gras für ein bequemes Lager zu sammeln, das er sich unten errichtete.
Ja, das hatte er sich jetzt wirklich verdient – sein erstes Lager seit vier Tagen! Oder etwa nicht? Müde schüttelte er die zweifelnden Gedanken von sich und wollte sich gerade einrollen, als eine Spitzmaus unerwartet des Weges kam und mit viel Gepolter durch die Wand seines Schlafzimmers brach. Die Erde spritzte nur so auf ihn herab und die verdutzte Spitzmaus landete direkt vor seinen Füßen.
Tschuldigung, sagte sie, hab nicht gewusst, dass hier jemand wohnt. Neugierig sah sie den jungen Maulwurf an. Von hier bist du jedenfalls nicht, ich hab dich noch nie gesehen, bemerkte sie. Überhaupt ist es hier so einsam, dass man nur selten jemandem begegnet. Deshalb passe ich kaum auf wenn ich mich so hier durchwühle. – Du musst wirklich entschuldigen!
Der Maulwurf war über den plötzlichen Besuch genauso erstaunt. Bisher waren ihm nur wenige Tiere auf seiner Reise begegnet. Meistens dienten sie ihm als Mahlzeit. Müde wischte er sich den Dreck aus den Augen, den die stürmische Spitzmaus durch die Luft geschleudert hatte.
Sag mal, fuhr die Spitzmaus fort, woher kommst du eigentlich und vor allem: was treibt dich hierher?
Ich? antwortete der Maulwurf, ich komme aus einem Garten viele Gärten entfernt von hier, im Osten, auf Sonnenaufgang zu und ich bin auf dem Weg zum Ende der Welt.
Etwas schüchtern senkte die Spitzmaus den Blick, dann kicherte sie leise und meinte: Zum Ende der Welt? Du bist ein komischer Kerl. Wie kommst du auf solch eine Idee?
Wieso, was sollte daran falsch sein? brummte er gereizt.
Oh, oh, nichts! antwortete die Spitzmaus. Ich wollte dich nicht erzürnen. Ich find’s nur einfach komisch – das Ende der Welt, hihihi ...
Und wieder schaute sie etwas beschämt auf ihre Vorderpfoten.
Es kann doch übrigens gar nicht mehr so weit von hier sein, vielleicht kannst du ...
Was ...? Nicht weit von hier? Nicht, dass ich wüsste. Dann lachte sie plötzlich und meinte: Ja, ja, oder vielleicht doch! Es ist hier tatsächlich so einsam, dass ich mir oft vorkomme, wie am Ende der Welt, aber ich habe mich, ehrlich gesagt, nie um so etwas gekümmert. – Das Ende der Welt ... Sie schüttelte den Kopf. Na, ist ja auch egal, meinte sie dann, wandte sich um, und ehe sich der Maulwurf recht besann, war sie schon in der Weite der Gänge verschwunden.
Nach einem langen unruhigen Schlaf wachte er am anderen Morgen auf. Benommen rieb er sich die schläfrigen Augen, gähnte einige Male, streckte sich, und nachdem er gierig einen Regenwurm verspeist hatte, der zufällig vorbeikam, macht er sich mit neuem Eifer auf den Weg.
Es dauerte allerdings nicht lange, da begann er wieder die Folgen der Anstrengung der vergangenen Tage zu spüren. Sein Graben wurde langsamer und langsamer und bevor der Morgen vorbei war, blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder eine Pause zu machen.
Lag es am Nachlassen seiner Kräfte, oder war es der Weg, der immer schwieriger wurde? Immer lehmiger war es geworden und immer öfter versperrten sogar Steine den Weg. Er würde es etwas langsamer angehen lassen und häufiger kleine Verschnaufpausen einlegen, dann würde es schon weiter gehen.
Verbissen kämpfte er sich durch den Rest des Tages und am Abend bedurfte es gar keiner willentlichen Entscheidung mehr, sich Ruhe zu gönnen. Er sank erschöpft zusammen und schlief durch bis zum anderen Morgen.
Als der Tag erwachte, tat ihm jeder Muskel weh und trübe Gedanken drückten auf sein Gemüt. Es fiel ihm nicht leicht, sie fortzuwischen. Aber energisch streckte er seine Glieder und bald ging es ihm besser.
Er grub und grub. Fast wie in Trance, nachdem er seinen Tiefpunkt überwunden hatte. Es verging ein Tag, ein weiterer und noch einer. Von Zeit zu Zeit ging er an die Oberfläche, um sich mit Hilfe der Sonne oder der Gestirne über seinen Weg zu orientieren. Auch wurde er immer neugieriger, ob nicht vielleicht schon etwas vom Ende der Welt zu sehen sei.
Am Ende des neunten Tages endlich war es dann so weit. Den ganzen Tag hatte er ein merkwürdiges Brummen, Zittern und Beben bemerkt, das immer heftiger wurde, je weiter er kam. Das musste es sein! Das konnte nur das Ende der Welt sein, das sich da mit soviel Getöse und Kraft ankündigte. Es war genau, wie sein Großvater beschrieben hatte. Als er dann am Abend neugierig aus seinem Loch schaute – der Krach war fast unerträglich geworden – konnte er kaum glauben was er sah. Ja, hier ging es nicht mehr weiter. Kein Zweifel, das da hinten war das Ende der Welt. Ihre Wächter waren es, die diesen Lärm verursachten. Donnerwetter! Er hatte schon geglaubt, schnell rennen zu können, aber was er da sah! Und wie viele es waren. Einer nach dem andern sauste von links nach rechts an ihm vorbei, und wie ihm schien, aus endloser Weite kommend und in ebenso endlose Weite verschwindend. Wehe, wer sich über diese steinige Grenze wagte – einer der vielen Wächter würde ihn bestimmt zermalmen. Doch, welch überwältigendes Erlebnis diese Grenze zum Ende der Welt bereits war, was, was mochte sich wohl hinter dieser Grenze verbergen? Wie sah das eigentliche Ende der Welt aus, das hier so sorgfältig und undurchdringlich gehütet wurde? Kaum, dass er dies gedacht, war auch schon eine neue Neugierde und Abenteuerlust in ihm geweckt.
Das Ende der Welt! Wenn dies das Ende der Welt war, dann war es das Ende der Welt und es konnte doch dahinter nichts geben; wenn es halt das Ende der Welt war. Oder ? Oder vielleicht doch? – –
Was wäre, wenn hinter dem Ende der Welt eine neue Welt begänne? War es dann überhaupt das Ende der Welt? – Nein, jedenfalls nicht das Ende der Welt, an das er dachte. Dahinter gab es nichts mehr, es war halt das Ende, und das Ende war das Ende. Das war es ja gerade, was das Ende ausmachte, dass es eben das Ende war!
So faszinierend das Erleben dieses Endes der Welt für ihn war, je länger er hier weilte und es bestaunte, desto sicherer wurde er sich, dass er auch das letzte Stückchen noch wagen musste. Dazu war er schließlich hierher gekommen. Wo er nun so weit gelangt war, wollte er es auch bis zum Schluss ausschöpfen. Er wollte bis ans Ende vom Ende gelangen. Und wenn es wirklich das Nichts war, was dem Ende folgte, so wollte er denn dieses Nichts erforschen, eher hätte er keine Ruhe, das war ihm klar.
Drei Tage und drei Nächte verbrachte er dort. Er staunte und erforschte, zauderte und erwägte, grübelte und plante. Ihm fiel auf, dass, so hart das Ende der Welt auch an der Oberfläche war, es reichte nicht sehr tief und je weiter er nach unten grub, desto weicher wurde es. Solange er sich auf das eigentliche Tableau seines Daseins, das Leben unter der Erde beschränkte und wagte, in die Tiefe zu gehen, desto leichter wurde es. Wie glücklich konnte er sich schätzen, ein Maulwurf zu sein! Ganz vorsichtig wagte er unterirdisch weiterzukratzen. So sehr er auch erwartet hatte, auf unüberwindliche Hindernisse zu stoßen, so überrascht war er, als es stattdessen leichter und leichter ging, bis er fast vergaß, dass er sich am Ende der Welt befand. Nur der Krach und das Beben wurden noch schlimmer und erinnerten ihn daran, wo er sich befand. Es war nur dadurch auszuhalten, dass er sich ganz und gar auf das Graben konzentrierte.
Nach einem halben Tag kam er auf der anderen Seite an. Als er aus seinem Loch schaute, lag eine weite, ausgedehnte Landschaft vor ihm. Etwas unterhalb an einem sanften Hang wogten die goldenen Ähren eines Kornfeldes, in der Ferne reihte sich malerisch Berg an Berg.
Der Maulwurf wurde ganz still und nachdenklich, wie er da so saß und schaute. Er verweilte dort bis zum Abend. Und während er der Sonne zusah, die im Untergang glutrot den Horizont in immer neuen Farbenspielen färbte, überkam ihn ein seltsames Gefühl von Einsamkeit und Unendlichkeit.
Dort, ganz weit in der Ferne, war das wirkliche Ende der Welt! Die Sonne hatte es erreicht und war eins mit ihm geworden. Wie wunderbar war diese Vereinigung gewesen! Und welch ein Glück, dass morgen eine neue Sonne geboren würde. Ob es allen Wesen so geschah, wenn sie das Ende der Welt erreichten, wie er es soeben bei der Sonne erlebt hatte? Wie würde es ihm ergehen? Viele Gefühle gingen mit seinen Überlegungen einher. Neugierde, freudige Erwartung, Sehnsucht, aber auch eine leise Sorge, ein kleines bisschen Angst wagte sich irgendwo tief in ihm zu regen. –
Wie weit entfernt und wie unergründlich war doch das Ende der Welt! Und wie sehr hatte sich sein Großvater geirrt!
Am nächsten Tag machte er sich weiter auf die Reise, immer weiter auf Sonnenuntergang zu.
Tag folgte auf Tag, Nacht auf Nacht und schließlich Jahr auf Jahr.
Immer wenn er glaubte seinem Ziel ganz nahe zu sein, musste er feststellen, dass es doch noch weiterging. Alles, was sich zunächst als das Ende der Welt ausnahm, entpuppte sich bald als weiteres Tor, durch das er schritt, um auf der anderen Seite nochmals weiter zu graben.
Er begegnete vielen Abenteuern, vielen Gefahren und oft überlegte er umzukehren. Er lernte unzählige Länder, Tiere und Kulturen kennen, und all diese Dinge prägten ihn, ließen ihn wachsen und reifen. Manchmal kam es auch vor, dass er entmutigt war, enttäuscht oder gar verzweifelt, doch er fand immer wieder zurück zu seinem Weg. – –
Sieben lange Jahre waren dahingegangen, als er schließlich wieder zu Hause bei seinem Großvater anlangte. Es war schon merkwürdig, als ihm auf einmal alles so bekannt vorkam, und er brauchte eine Weile, bis er ganz begriff, wo er war. Der anfänglichen Enttäuschung folgte schnell die unbändige Freude darüber, wieder zu Hause zu sein, seinen Großvater und all die Freunde wieder zu sehen.
Überglücklich fiel er seinem Großvater in die Arme. Es gab so viel zu erzählen. Immer wieder berichtete er ihm und allen anderen daheim von der großen weiten Welt und seiner Suche nach ihrem Ende. Es waren muntere und schöne Tage.
Aber es dauerte nicht lange, und der Maulwurf wurde ganz still und begann sich zurückzuziehen. Er war wieder daheim, ja! Wie oft hatte er sich danach gesehnt. Doch er hatte sein Ziel nicht erreicht! Noch immer hatte er das Ende der Welt nicht gesehen.
Der Großvater bemerkte seine wachsende Schwermut. Eines Abends setzte er sich zu ihm und sagte: Mein Sohn, was lässt du dich verdrießen? Du hast das Beste getan, was ein Maulwurf tun kann: graben! Doch warum erwartest du damit irgendwohin zu gelangen und bist enttäuscht, wenn der Ort an dem du ankommst ein ganz anderer ist, als du erwartet hast? Das Ende der Welt ist überall und du kannst dich glücklich schätzen, so viel davon gesehen und erfahren zu haben, wie sonst nur Wenige.Grabe weiter mein Sohn, grabe, denn das ist es, was Maulwürfe tun. Doch wisse, dass es damit kein Ende haben wird. Grabe, das ist es!