Lambertus

Elmar Woelm

Plötzlich lag ein Wort in der Luft, das uns alle bald berauschte, von dem in Augenblicken niemand mehr recht wusste, woher es so plötzlich gekommen war, wer es als erster ausgesprochen hatte: Lambertus! Wie eines dieser Sheldrake‘schen morphogenetischen Felder schien es auf einmal einfach da zu sein, ohne dass wir uns gedanklich, wie zum Beispiel zu Weihnachten oder Ostern in langen sehnsüchtigen Tagen darauf vorbereitet hätten. Es war einfach da, bei allen von uns, ohne den geringsten Zweifel: Bald ist Lambertus!

Wer nicht selbst aus Münster oder der näheren Umgebung kommt und mit diesem jährlich am 17. September wiederkehrenden Licht- und Laternenfest aufgewachsen ist, wird nicht viel damit anfangen, geschweige denn nachempfinden können, was es für uns Kinder bedeutete. Ein Fest des Lichts, das dem Heiligen Lambertus gewidmet ist, nach dem auch die große Lambertikirche ihren Namen hat. Und auf deren Kirchplatz, rund um den „Brunnen“, das Fest immer als besonders großes Stadtspektakel stattfindet. Gilt er als Schutzpatron des Lichts, der Heilige Lambertus? Ich muss zugeben, dass ich den genauen christlichen Bezug nicht mehr kenne, doch sicher ist es letztlich viel eher ein altes germanisches Fest gewesen, am 17. September, kurz vor der Tag- und Nachtgleiche, dem Herbstanfang und somit Beginn der dunklen Jahreszeit, Abschied vom Licht des Sommers. – Wie schade, dass uns so wenig vom alten Wissen und Glauben unserer ursprünglichen Kultur erhalten geblieben ist.

In den benachbarten Siedlungen war es wohl üblich, mindestens die ganze Woche lang, jeden Abend vor dem 17. Lambertus zu feiern. Auf dem „Kotten“ allerdings war das verpönt, galt als proletarische Verwässerung des Festes und übertriebene Hingabe an Konsum. Entsprechend aufgeregt fieberten wir dem einzigen Lambertusabend entgegen, trafen mit Eifer all die nötigen Vorbereitungen für ein gelungenes Fest.

Das Wichtigste war die Pyramide, die wir jedes Jahr neu aus alten Dachlatten zimmerten. Sie mochte etwa zwei bis zweieinhalb Meter hoch gewesen sein und bestand aus drei Latten, die durch waagerechte Verstrebungen in der Mitte und noch einmal weiter oben zusammengehalten wurden. War dies vollbracht, strömten wir aus in die Gärten und an sonstige Plätze, von denen wir wussten, dass dort bunte Blumen wuchsen. Denn die Pyramide musste dicht mit lebendiger Farbenpracht geschmückt werden. So wollte es der Brauch, und das war wunderschön. Jede der Latten wurde rundum mit Blumen bedeckt, die wir mit Blumendraht anbanden – eine Aufgabe, die stets den Älteren, Erfahreneren zukam. Goldruten, Weidenröschen, Wicken, Dahlien, Gladiolen, Astern mit den warmen Farben des Spätsommers – es war ein begeistertes geschäftiges Treiben, das jeden von uns, auch die Kleinsten in seinen Bann zog und uns ganz gefangen nahm. Manches Mal auch mit bangem Blick zum Himmel, ob der heutige Abend nicht womöglich noch wegen Regen ins Wasser fiele.

Ungeduldiges Abendessen, dann warm anziehen, denn oft sind die Abende schon kühl um diese Zeit. Aufgeregte Stimmen gehen durcheinander, letzte Vorbereitung der Lampions. Kerzen, Haltestangen, Streichhölzer. Die Laternen wurden oft seit Jahren benutzt und manchmal innerhalb der Familienmitglieder getauscht, wobei es bezüglich mancher besonderer Lampen eine gewisse Rangordnung unter den Geschwistern gab – manche standen den Jüngeren einfach nicht zu! Da gab es Sonnen und Monde mit verschmitzten Gesichtern, manchmal schon ein wenig angebrannt, große und kleine, auch einfachere Zylinder oder Kugeln, erst später solche mit fernöstlichem Flair. Andere waren aus Schwarzer Pappe und eingeklebter Transparenzfolie liebevoll selbst gebastelt. Mitunter schien es einen mehr oder weniger verborgenen Wettstreit um die schönsten Laternen zu geben und wer alt genug war, erntete auch wohl eine der Runkelrüben vom Felde, höhlte sie aus und schnitzte ein Gesicht herein, das am Abend schauerlich leuchtete.

Trappelnde Füße stürmen die Treppe hinunter, heraus aus der Tür, hinein ins Dunkel des Abends, wo uns aus der Ferne andere Lichter entgegenleuchten. Ja, dunkel musste es schon sein! Und damals gab es noch keine Sommerzeit. Kein Problem also.

„Kinder kommt runter, Lambertus ist munter!“, so intonieren wir den uns bekannten Gesang. Endlich! Wehe dem, der heute zu spät kommt, sich nicht beim Ruf der anderen sputet, um sich einzureihen in den munter, schimmernden und leuchtenden Reigen. Singend ziehen wir in einer wachsenden Schar von Haus zu Haus, um die Anderen zu rufen und zur Eile anzutreiben. „Kinder kommt runter, Lambertus ist munter!“, singen wir immer wieder, bis wir uns schließlich an der Pyramide versammeln. Auf dem Weg bunte Lichter in der Dunkelheit. Keine Straßenlaternen, nur hin und wieder das Licht in den Fenstern der Häuser. Im Wald und im Park absolutes Dunkel, gemütlich, mit einem Schauer des Unheimlichen und Unbekannten, das dennoch dem Herzen irgendwie vertraut zu sein scheint.

Lachende glückliche Gesichter im Schein der Laternen, die nun ihren Platz an der Pyramide gefunden haben. Eine nach der anderen haben wir sie zwischen die Blumen gesteckt und schließen uns nun zum Kreise zusammen, tanzen den Reigen um das Zentrum des Lichtes. Die alten Lieder sind uns älteren vertraut seit wir klein waren, so, wie sie jetzt auch die Jüngsten mit ihren großen Kulleraugen in sich aufnehmen, eine Atmosphäre voll Romantik, mit dem Duft der spätsommerlichen Nacht.

„Der Herr der schickt den Jäger aus, soll die Birnen schmeißen ...“ Eingängige Rhythmen und Melodien, die sich für die nächsten Tage als rechte Ohrwürmer erweisen werden. Es folgt das Lied vom Postillion mit seiner Lederfraumama, die dem Papa die Lederflöh sucht, um sie in der Lederpfanne zu braten. – Ein kurioser Text, den ich nie verstanden habe. Aber vielleicht gibt es da gar nichts zu verstehen – Nonsens, Quatsch mit Romantik, Geselligkeit, die das Herz berührt! Wozu nach einem Sinn suchen? So klingen noch eine ganze Reihe weiterer typischer Lambertuslieder, von der dummen Liese und dem lieben Heinrich, Abraham und Isaak, Guter Freund ich frage dir und wie sie auch alle heißen mögen. Manche sind mir im Laufe der Zeit halt doch entfallen. Einige sind ähnlich verrückt wie der Postillion, andere mit biblischem Anklang. –

„De Buer de kümt–, de Buer de kümt–, de Buer de kümt ...“ Gebannt und erwartungsvoll schauen wir uns um, während wir mit unserem Ruf den krönenden Abschluss einleiten. Schlurfenden Schrittes kommt der Buer (Bauer) und tritt in das Innere des Kreises. Mit alter abgetragener Hose, vielfach geflickt, typischer Arbeitsjacke oder auch Mantel, Holzschuhen, Handstock und Hut mit breiter Krempe, so habe ich ihn in Erinnerung – auf jeden Fall so, dass ihn jeder gleich erkannte.

„Oh Buer, wat kost dien Hei?
Oh Buer, wat kost dien Kiärmeshei?
Juchheißa, vivat Kiärmeshei,
oh Buer, wat kost dien Hei?“

Wir stehen und der Bauer umschreitet mit stetigem Schritt die Pyramide im Kreis.

„Mien Hei dat kost ne Krohn!
Mien Hei dat kost ne Kiärmeskrohn.
Juchheißa, vivat, Kiärmeskrohn.
Mien Hei dat kost ne Krohn.“
„Oh Buer, dat is viel to düe!
Oh Buer, dat is viel to Kiärmesdüe.
Juchheißa, vivat, Kiärmesdüe.
Oh Buer, dat is viel to düe!“

„Nu sök sich de Buer ne Fru.
Nu sök sich de Buer ne Kiärmesfru.
Juchheißa, vivat, Kiärmesfru.
Nu sök sich de Buer ne Fru.“

Zum Sang des Liedes sucht sich der Buer nun eine Frau aus dem Kreis der Umstehenden indem er sie mit der Krücke seines Handstocks am Hals packt und in den Kreis zieht.

Wir applaudieren:

„Oh Buer, wat ne schöne Fru!
Oh Buer wat ne schöne Kiärmesfru.
Juchheißa, vivat, Kiärmesfru.
Oh Buer, wat ne schöne Fru!“

Es folgen Kind, Magd, Knecht, „Pottlecker“, Knochen und ich weiß nicht mehr ob und was noch alles. Alle folgen sie einer nach dem anderen im Gänsemarsch der Runde des Bauern, bis dieser schließlich mit einem gewaltigen Schubs, oder vielmehr vielen Schübsen, aus dem Kreis gestoßen wird:

„Nu kriegt de Buer nen Schubs“, heißt es plötzlich ganz im Rhythmus des Liedes,
„Nu kriegt de Buer nen Kiärmesschubs ...“

Der so wenig glimpflich Behandelte ergreift darauf die Flucht – manchmal mit einer ganzen Reihe von blauen Flecken – und wart nicht mehr gesehn ...

Die Moral von der Geschichte? – Darüber mag sich getrost jeder seine eigenen Gedanken machen.

Wir nehmen unsere Laternen wieder auf und beginnen heimzuziehen. Heim? Noch nicht sofort! Ich weiß nicht mehr, wer damit begann oder wann, aber irgendwann, als wir vor unserem Hause vorbeizogen, hat sich der Eingangsvers auf einmal verändert: „Oma komm runter, wirf Bonbons herunter!“ Wieviel Erfolg wir damit hatten, vermag ich mich nicht mehr zu erinnern, nur noch, dass er zu einem kleinen Teil eigenen Brauchtums wurde, der bis zum Tode von Oma Alma gepflegt wurde.


Dumme Liese
Dumme Liese hole Wasser,
dumme Liese, dumme Liese.
Dumme Liese hole Wasser,
dumme Liese hole Wasser!

Womit denn, lieber Heinrich?
Lieber Heinrich, lieber Heinrich.
Womit denn lieber Heinrich?
Lieber Heinrich, womit?

Mit dem Topf, du dumme Liese,
dumme Liese, dumme Liese!
Mit dem Topf du dumme Liese,
dumme Liese, mit dem Topf.

usw.:
Wenn das Topf aber ein Loch hat,
lieber Heinrich ... ....was dann?

Stopf es zu, du dumme Liese ... ... stopf es zu!
Womit denn, lieber Heinrich?

Mit Stroh, du dumme Liese!
Wenn das Stroh aber zu lang ist?

Schneid es ab, du ...!

Womit denn ...?

Mit dem Messer ...!

Wenn das Messer aber zu stumpf ist?

Mach es scharf, du ...!

Womit denn ...?

Mit nem Schleifstein ...!

Wenn der Schleifstein aber zu trocken ist ...?

Mach ihn nass ...!

Womit denn ...?

Hole Wasser, dumme Liese ...!