Ein Fall aus den Wolken

Elmar Woelm

Seit zwei Tagen haben sie uns vorbereitet. Tausendeins - tausendzwei - tausend-drei1) - Fallschirmkontrolle: …Öffnungsruck, Schirm rechteckig, fliegt geradeaus ...
Mit Witz und Humor versuchte Toine, unser Ausbilder, seinen Schülern das erforderliche Wissen und die Fertigkeiten für den ersten Sprung beizubringen; ohne allerdings den gelegentlich nötigen Ernst zu vergessen. Schirm packen, Absprung, Fallschirmkontrolle, Reserveprozedur, Flug und Landung. „Du springst aus dem Flugzeug und zählst: tausendeins, tausendzwei, tausenddrei... . Du fühlst einen leichten Ruck, schaust nach oben und siehst über dir nur ein einziges Durcheinander. Der Schirm hat sich in einem wüsten Knäuel mit den Leinen verwickelt. Du jagst mit einhundertachzig Kilometern pro Stunde auf die Erde zu, was tust du dann ?“ „Ich ziehe den Reservefallschirm!...“
„ Das ist nicht die Meinung“, unterbricht der Holländer, wie wir es noch so oft von ihm hören sollen, wenn etwas so nicht läuft oder nicht ganz richtig ist. „Dann verheddert sich dein Reserveschirm mit dem Hauptschirm und du machst eine unsanfte Landung!?... Also?“ Und wir wiederholen noch einmal die ganze Prozedur, die erforderlich ist, um gegebenenfalls den Hauptschirm abzulösen und den Reservefallschirm erfolgreich zu öffnen. So lange, so oft, bis wirklich jeder den Ablauf wie im Traum beherrscht. Höhenmesser, rechts schauen, rechts fassen, links schauen, links fassen, Hohlkreuz, rechts ziehen, links ziehen, Hohlkreuz! Und ab gehts, jeder sieht sich schon wie Ikarus durch die Lüfte schweben oder auch mit irgendwelchen Unbilden kämpfen.

„Na, wie fühlt ihr euch?“ höre ich noch Toine am ersten Tag fragen. „Es wird doch nun bald ein lang gehegter Traum für euch in Erfüllung gehen, oder!?“ Tja, so ganz sicher bin ich mir da immer noch nicht. Manchmal scheint es mir eher ein Alptraum zu sein. Hin- und hergerissen bin ich, zwischen Angst und erwartungsvoller Erregung auf ein ungeheuerliches Abenteuer.

Mein Vater war im Krieg Fallschirmjäger und lange Jahre habe ich mir vorgestellt, wie toll es wäre, auch einmal das Springen zu lernen. Filme mit Fallschirmabenteuern haben mich immer besonders fasziniert und einen starken Reiz auf mich ausgeübt - Bis ich vor einigen Jahren mit meinem Freund und Kollegen Bernd zum Bildflug in einer Cessna saß. Jedesmal, wenn die Maschine eine Kurve zog und seitlich abkippte, sagte ich mir: ich!? - hier jetzt ‘rausspringen - nie! Und mein Traum hatte sich erst einmal abgekühlt.

Irgendwann, in den Ferien auf Texel, begann aber erneut eine kleine Flamme in mir zu flackern, als ich die bunten Schirme der Springerschule am blauen Himmel lautlos wie Federn schweben sah. Es begann immer mit einem beharrlichen fernen Brummen, wenn wir im Slufter spazierengingen oder in den Dünen lagen, um uns vom säuselnden Rauschen des Windes und den warmen Sonnenstrahlen auf der Haut verwöhnen zu lassen. Es war das Dröhnen der sich aufschraubenden Maschine, die recht lange brauchte, um die für die Freifaller nötige Höhe von acht- bis zehntausend Fuß zu erreichen. ... Und auf einmal waren sie dann da! Aufgetaucht aus dem Nichts, zogen sie ihre sanften Linien, schwungvollen Kreise und Pirouetten in den Himmel, fast schwerelos gleitend der Erde entgegen. So wuchs in mir wieder der zarte Wunsch und die Aufregung, es selbst zu versuchen. Es war wie früher bei den Freiballonen meines Großvaters. Sobald irgendwo ein Ballon in der Luft auftauchte, gar nicht zu reden von den großen Freiballonwettfahrten mit zwanzig, dreißig oder mehr der benetzten Kugeln, kribbelte es mehr und mehr in meinem Bauch. Ich wurde unruhig und von einer unerklärlichen Sehnsucht gepackt, den Ballonen zu folgen und so wenigstens ein wenig teilzuhaben an den Abenteuern, dessen aufregendes Treiben ich so oft beim Aufrüsten, Start und Verfolgung der Ballone erlebt hatte ...

„Lena, was meinst du, sollen wir das auch `mal versuchen?“ fragte ich meine zwölfjährige Tochter, die begeistert nickte. ... „Du bist verrückt!“ meinte meine Frau daraufhin nur, wie so oft auch später noch, wenn das Gespräch gelegentlich darauf kam.

Zu Hause habe ich dann während einer Autofahrt mit Bernd das Thema aufgegriffen. Bernd hatte zu seiner Wehrdienstzeit eine Springausbildung auf Texel gemacht. „Sag mal, Bernd, du bist doch damals Fallschirm gesprungen. Das reizt mich auch immer wieder, aber dann stelle ich mir vor, daß ich fürchterliche Angst habe und nicht abzuspringen wage.“ Mir ist das damals so gegangen, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich sollte vom Drei-Meter-Brett springen und hatte so schreckliche Angst. Die Knie schlotterten mir, ich war völlig gelähmt, fing an zu weinen und konnte mich einfach nicht überwinden. Schließlich hat mich der Schwimmlehrer einfach heruntergeschmissen ... „Ich habe Angst und stelle mir vor, ich sitze da oben und kann nicht springen.“ „Ja, da wärst du nicht der Erste“, meint Bernd uns schweigt einen Moment. „Wir hatten eigentlich alle Angst!“ , fährt er nach einer Weile fort und beginnt von seinen Erlebnissen auf Texel vor über zwanzig Jahren zu erzählen. „ ... Ich erinnere mich noch an meinen ersten Sprung. Wir sprangen ausschließlich Rundkappe2) und waren alle über Funk mit dem Ausbildungsleiter verbunden. Es war uns eingeschärft worden, sofort nach der Landungsrolle aufzustehen und unseren Fallschirm zusammenzunehmen. Als ich dann schließlich gelandet war, war ich so überwältigt und glücklich, daß ich einfach auf dem Rücken im Gras liegen blieb, glücklich über den erlebten Sprung und vor allem auch glücklich, wieder heile auf der Erde angekommen zu sein! Es dauerte aber gar nicht lange, bis mich die Stimme meines Ausbilders jäh aus meinen Träumen riß: Heh, was ist los, alles in Ordnung? ...“ Aufmerksam hatte ich dem Freund zugehört. Wir schwiegen eine Weile und fuhren weiter durch die Landschaft, ließen Felder, Wiesen, Hecken und Bäume an uns vorbeiziehen. „Sicher“, fragte ich nach einer Weile, „ist es beim ersten Sprung am schlimmsten und wird immer einfacher, wenn du erst einmal Vertrauen gewonnen hast?“ „Ganz im Gegenteil“, erwiderte Bernd, „bei mir ist es immer schlimmer geworden. Darum habe ich auch nicht damit weitergemacht. Ich habe die Spannung einfach nicht mehr ausgehalten!“ Hm, das war nun doch wieder eine Ernüchterung, die all meine leisesten Hoffnungsschimmer zunächst zerbrachen, so daß ich meine Ideen dann doch bald wieder beiseite schob. ...

Seine Grenzen sprengen, Ängste durchleben und überwinden. Etwas ganz Verrücktes tun, einfach um des Erlebens willen. In aller Lebendigkeit ganz und gar da sein, fühlen und empfinden, in einfachen, wie in schweren Dingen, so, wie es das Leben uns schenkt. Der Gedanke ans Fallschirmspringen wurde für mich zu einem Thema vielfältiger Auseinandersetzung. Sterben und Tod, Vertrauen, fühlen und lebendig sein ... Ich entdeckte wieder einmal, wie sehr ich mich von alten Vorstellungen und Erlebnissen leiten ließ, verwechselte die Vergangenheit mit dem Jetzt und andere Menschen mit mir selbst! Und es gibt doch immer nur mich! Jetzt! Ganz hier! Ich habe gelernt, die kleinen Momente einfacher Präsenz zu schätzen und zu lieben, aus denen sich das Einssein und ewige Harmonie wie von selbst ergeben. ... Ich spürte immer mehr, daß ich dem Sprung auf Dauer nicht ausweichen konnte und doch ließ mich meine alte Angst zögern. „The past does not equal the future!“ .- So nahm ich mir vor, bei meinen nächsten Ferien auf Texel das Springen zu wagen, ließ aber alles auf mich zukommen. Erst vor Ort wollte ich mich erkundigen und dann endgültig entscheiden. Es ergab sich dann auch tatsächlich alles wie von selbst. Info, ärztliche Untersuchung, Paßbilder und Beginn des Trainings.

Ungeduldig warten wir nun schon den zweiten Tag auf unseren ersten Sprung. Ein hoffnungsvoller Blick auf die Anzeigetafel: Standdown3) bis 11.00 Uhr, Wind 8 Meter pro Sekunde, Wolken 1800 Fuß. Daß heißt wieder warten, voller Spannung und Ungewißheit. Der Wetterdienst meldet Besserung gegen Mittag.- Teetrinken im Flugrestaurant, ein Stück Kuchen. Das Warten macht mich nervös. Die alten Ängste tauchen wieder auf. Je länger die Ungewißheit dauert, desto unausweichlicher kreisen die Gedanken um Sorge, Angst, Panik und mögliche Gefahren oder Mißgeschicke. Ich versuche meine Gedanken zu lenken, versuche mir auszumalen, wie herrlich es sein wird, wie sehr ich Absprung, Fall und Flug genieße. Aber daß ist gar nicht so leicht. Zu sehr wird mein Denken bereits durch einengende Vorstellungen beschränkt. Und doch, ich kann auch spüren, wie stark mich das Abenteuer der Lüfte reizt! Irgendwo freue ich mich, kribbelt es angenehm aufgeregt in meinem Bauch, wenn ich bereit bin, die negative Übersetzung meiner Lebendigkeit loszulassen. Sehnsüchtig geht der Blick immer wieder zur Wetterfahne und zu den Wolken - wie hoch mögen sie jetzt sein? Hängt der Sack denn nicht jetzt deutlich schlaffer, als vorhin? Immerhin ist die geschlossene Wolkendecke aufgerissen, läßt den Blick frei für den blauen Himmel. Immer mehr dringen die wärmenden Sonnenstrahlen zu uns auf die Terrasse.

Wind nicht über 6 Meter pro Sekunde brauchen wir Anfänger und eine Wolkendecke von mindestens 3 000 Fuß für den Square2), 2 000 Fuß für die Rundkappen. Viertel vor Elf, Zeit einmal wieder am Manifest4) vorbeizuschauen.- Stand by3) Wind 7 Meter pro Sekunde, Wolken 3 500 Fuß! Die Aufregung aller Beteiligten steigt. Ein geschäftiges Treiben beginnt. Menschen laufen im Hangar und auf dem Vorplatz hin und her. Ein Knistern liegt in der Luft. Als einige beginnen, ihren roten Overall anzuziehen, steckt das die anderen an. In wenigen Minuten wimmelt es von roten Leuten. Lachen. Witze werden gerissen und dumme Sprüche geklopft - irgendwie muß man die innere Anspannung loswerden. Plötzlich einige aufgeregte Blicke zum Himmel. Wo, wo denn, was ist? Unbemerkt von den meisten war ein Flugzeug mit erfahrenen Freifallern gestartet, die nun mit eleganten Schwüngen zur Erde schweben. Schnell nähert sich erst einer, dann ein weiterer, sausen sie mit flottem Tempo über unsere Köpfe hinweg, um sich im letzten Moment mit einer schwungvollen Drehung gegen den Wind zu stellen. Gekonnter Flair5) und sanfte Landung fast mitten auf dem kleinen Landekreis unweit des Hangars, der nur den Profis vorbehalten ist. So macht man das also! Die spielerische Leichtigkeit, mit der jeder Künstler sein Werk zu vollbringen scheint, verführt so oft zu der Annahme, daß es doch eigentlich fast gar nichts sei und es einem selbst doch genauso leicht von der Hand gehen müsse. Und so war ich sicher nicht der Einzige, der sich in Gedanken bereits selbst unmittelbar neben der Zielfahne landen sah.

Stand by! Das heißt für uns weiter warten, in Bereitschaft und in unmittelbarer Nähe, um so schnell wie möglich für den Abflug gerüstet zu sein. Aber weitere wage Stunden warten auf uns. Zwar ist der Himmel inzwischen fast vollständig klar, nur noch hoch oben einzelne weiße Wolken, doch der Wind weht weiterhin zu stark, schwankt zwischen 6,5 und 7,5 m/s, mit Böen bis zu 8 Metern - zu gefährlich für die Landung des Anfängers. So zieht sich auch der Nachmittag voller Erwartung und Ungeduld zäh dahin, bis am frühen Abend die Info-Tafel mit Standdown für 9.00 Uhr des folgenden Tages beschriftet wird. Enttäuscht und voller Erwartung machte ich mich, wie jeder Teilnehmer, auf den Heimweg.

Am anderen Morgen stand ich zeitig auf, um als erstes nach dem Wetter zu schauen. Der Wind schien mir sanft zu sein, die Wolken hoch, aber es regnete leicht. Daher ließ ich mir Zeit, nachdem ich die letzten Tage überflüssiger Weise viel zu pünktlich zum nahen Flugplatz gehastet war. Beim Frühstück immer wieder ein prüfender Blick zum Himmel und auf die schaukelnden Bewegungen der Sträucher und Dünengräser. Das Geschrei der Möwen erschien mir, wie so oft, einem hämischen Gelächter gleich. Während meine Familie noch schlief, machte ich mich ohne große Hoffnung auf den Weg. Immer noch war der Himmel verhangen, die Windstärke, die ich bei der Fahrt beobachtete, schwer einzuschätzen. Vor dem Flugplatz angekommen, konnte ich meinen Augen kaum trauen! Auf dem Hangar-Vorplatz stand eine Gruppe Springer voll ausgerüstet in einer Reihe zum Einchecken - in der Luft einige Rundkappen kurz vor der Landung! Nun aber schnell! Nur keine Zeit verlieren. Wagen eingeparkt und hetzenden Schrittes zum Hangar. Ja, es war so weit. Overall anziehen, noch einmal zur Toilette, Fallschirm, Höhenmesser und Helm bereitlegen, zu den anderen aufschließend in eine Reihe. Viele der bekannten Gesichter fehlten noch. So ist es bald für mich an der Reihe, den Schirm anzulegen. Mit zitternden Händen ziehe ich Bein-, Bauch- und Brustgurt an, stelle den Höhenmesser an und setze meinen Helm auf.

Mit lautem Motorengeräusch kommt die Cessna-Caravan von der Landebahn zum Einstiegspunkt gerollt, während soeben weitere Fallschirme dem fernen Zielpunkt zugleiten - einige auf dem Weg in die abgelegenen Wiesen und Äcker. Von hier kann ich gerade erkennen, wie der Jumpmaster, ein erfahrener Springer, der den Ausstieg organisiert und kontrolliert, die Reißleinen6) der letzten Springer aus dem Flugzeug wirft. Ich kann die Spannung der vor dem Flugzeug wartenden Springschüler spüren, die beginnen, einer nach dem anderen die Maschine zu besteigen. Die Motoren brummen auf und schon rollen sie der Startbahn entgegen, auf dem Weg in ein unbekanntes prickelndes Abenteuer. Ich lege die Hände über die Augen um sie vor den Sonnenstrahlen zu schützen und schaue dem Flieger nach, der sich langsam zum Himmel erhebt. Ein Ruf reißt mich aus meinen Gedanken. Aufstellen zum Pincheck: Der Verantwortliche prüft unsere Schirme und Gurte, nimmt das Ende der Fangleine, die den Schirm beim Sprung aus dem Container (den „Rucksack“) ziehen soll und steckt den Haken der Leine in meinen Brustgurt - Zeichen, daß alles o.k. ist. Vor Aufregung trete ich von einem Bein auf das andere, nehme kaum noch wahr, was um mich herum geschieht. Es folgt das Steuerbriefing, das uns erklärt, wie der Wind weht, wo sich der Ausstiegspunkt befindet und was beim Anflug zur Landung zu beachten ist. 1 000 Fuß-Gebiet, 500 Fuß-Gebiet7) und letzte Ermahnungen. Auf zum Manifest. Dort werden unsere Springkarten zur Kontrolle vom Scanner gecheckt und wir begeben uns zum Einstiegspunkt, wo wir auf die zurückkehrende Maschine warten. Mir ist nicht ganz wohl, weiß nicht recht ob vor oder zurück. Es lockt mich und es bremst. Ich bin still, wie die meisten, beobachte die einfallenden Schirme, wie sie oft fernab des Landebereichs heruntergehen und denke: so einfach scheint das also doch nicht zu sein. Hin und wieder wage ich einen bedeutsamen Blickkontakt mit einem der Gefährten, einen kurzen Augenaufschlag, verbunden mit einer leichten Grimasse des Gesichts, die meinen zwiespältigen seelischen Zustand offenbart. Gegenseitiges verständnisvolles Lächeln. Endlich kommt die Cessna herbei, um uns aufzunehmen. Wir stehen, drängeln, aber keiner wagt so recht voranzugehen. Schließlich steige ich als erster ein, was bedeutet, daß ich als einer der letzten abspringen werde - immer noch besser, als als erster hinaus zu müssen, denke ich. Ich bekomme meinen Platz angewiesen und setze mich auf den Boden. Die Reißleine wird eingehakt und die anderen folgen. Es ist sehr eng, als alle zwölf Personen Platz genommen haben. Aus einem Lautsprecher dröhnen moderne Rhythmen, die wohl die Gemüter etwas aufmuntern sollen. Die Rolltür schließt sich und wir rumpeln langsam zur Startbahn. Der Jumpmaster lächelt uns an. Die Motoren drehen auf zu einem fast unerträglichen Dröhnen, während das Flugzeug hart beschleunigt, uns nach hinten drückt und schließlich von der unebenen Grasnarbe abhebt. Wir gewinnen rasch an Höhe und ich kann spüren, wie ich mich verkrampfe. Der Atem ist ganz flach geworden und ich versuche ein paar tiefe Atemzüge, was bei der unbequemen Sitzhaltung schwerfällt. Aus dem Lautsprecher hämmern erbarmungslos die aufmunternden Melodien - ein schwacher Trost, aber immerhin. „Alle ‘mal lächeln!“ der Jumpmaster hantiert mit einer kleinen Videokamera und kommt, schwankend durch den unruhigen Flug, nacheinander auf jeden von uns zu. Eine weitere Kamera hängt draußen an der Tragfläche gegenüber der Ausstiegsluke, um unseren ersten Sprung zu dokumentieren. Ich schiele auf meinen Höhenmesser: 3 500 Fuß - bald müßte es doch soweit sein. Aber der Pilot zieht eine weitere Runde und steigt auf fast 4 000 Fuß. Unter uns vereinzelte kleine Wolken - auf keinen Fall da ‘reinfliegen heißt es! Die Rolltür öffnet sich, Mein Herz schlägt bis zum Hals. Mein Gott, wie gut, daß ich nicht der erste bin. Der Jumpmaster sieht noch einmal nach unten um die Position des Flugzeugs zu überprüfen. „Coupez!“ ruft er dem Piloten zu, der darauf die Maschine drosselt um die Ausstiegsgeschwindigkeit zu senken. Daraufhin zählt er die ersten vier Personen aus. Eins,- zwei,- drei,- vier,- zeigt er jedem mit seinen Fingern, sieht noch einmal zur Kontrolle nach unten und winkt den ersten, sich zum Absprung bereit zu machen und seine Beine aus der Luke zu hängen. Und dann geht alles sehr schnell: „Ready?“, „Yes!“, „Go!“ und schon ist der Springer draußen und in der Tiefe unter und hinter uns verschwunden. Rasch folgen Zwei, Drei und vier und die Maschine dreht eine neue Runde, um sich wieder in die richtige Absprungposition zu bringen. Unter uns können wir die ersten bunten Fallschirme sehen. - Noch eine Runde und ich bin an der Reihe. Auf Wink rutsche ich, energisch durch das Tempo in dem sich alles vollzieht an die Luke. Oh jeh! Ich nehme meine Beine nach draußen und bin überrascht über den heftigen Fahrtwind, der mich nach hinten schiebt und eine korrekte Absprunghaltung zu verhindern scheint. Aber ich habe gar keine Zeit, lange nachzudenken, denn schon ruft der Jumpmaster „Ready?“ Ich will schon „No“ rufen - aber es gibt kein zurück - und überhaupt! Ich höre mich laut „O.K.“ antworten, warte kaum das „Go!“ ab und bin draußen. -- Nichts! -- Einen Moment lang nichts. -- Ich vergesse zu zählen, vergesse meine Haltung - es ist ein Sturz in den Tod. ... Plötzlich ein Ruck, und ich bin wieder da! Glücklich sehe ich über mir den bunten Schirm sich völlig problemlos und weich öffnen. Ich schwebe...! Ich schwebe...! Das ist Wahnsinn ... Es hat geklappt! Ich fühle mich völlig sicher und könnte schreien vor Freude. Lautlos gleitet der Schirm dahin. - Was? Oh, verdammt, Schirmkontrolle. Wie war das noch? Mein Kopf ist ganz und gar leer. - Ja, lache ich innerlich, er hat geruckt! Der Schirm ist geöffnet, rechteckig und fliegt ....? Ach, weiß ich wo er hinfliegt, er fliegt ....! Slider8) unten, kein Twist9) - Gott sei dank! Zweimal pumpen - unsicher taste ich nach den Steuerleinen über mir. Ja, da sind sie. Ich löse sie und ziehe beide Leinen bis zum Bauch und nehme sie wieder hoch. Die Fallgeschwindigkeit nimmt ein wenig zu und normalisiert sich wieder. Huch! Nicht schlecht. Weiter: Höhenmesser überprüfen, Gurte o.k. und ...? Orientierungsdrehung! Zögernd ziehe ich die Steuerleine an einer Seite, worauf der Schirm, und ich mit ihm, sich in eine sanfte Kurve bewegt. Ich ziehe stärker, die Kurve wird energischer und enger. Ist doch gar nicht so schwer - ich wage gleich noch eine. ... Wo bin ich? Wo sind die anderen? Die anderen sind weit, keiner in der Nähe, aber wo bin ich genau?? Verzweifelt suche ich den Flugplatz. Verdammt noch mal, Elmar! Du kannst doch Karten lesen, du wirst doch diesen blöden Flugplatz finden können!? Ah! Ah! Ja, da! Ich habe den Platz entdeckt und korrigiere meine Position, unsicher, wie weit ich mich von der Windlinie entfernen kann um nicht zu weit abzudriften. Zwischendurch Kontrolle des Höhenmessers: 2 800 Fuß - Zeit satt - wie langsam ich Höhe zu verlieren scheine! Ruhig gleitet mein Schirm dahin, kleine Kurve rechts, kleine Kurve links. Etwas zu früh steuere ich auf’s 1000 Fuß-Gebiet zu, richte mich ein wenig gegen den Wind, mache noch einen kleinen Schlenker, bis ich schließlich auf das 500 Fuß-Gebiet zufliege. Auch hier bin ich noch etwas zu hoch, wie mir scheint. Ich glaube noch viel Zeit zu haben und schwebe dahin, genieße den Flug. So, nun auf die Landefahne zu. Ich bin immer noch zu hoch, denke ich, und werde viel zu weit über das Ziel hinausschießen. Ich wage noch eine Wendung nach links, nach rechts. Himmel! Wie der Höhenmesser auf einmal fällt! Jetzt wird es aber Zeit! Es ist kaum zu glauben, was der Höhenmesser auf einmal spinnt, immer schneller kommt der Erdboden auf mich zu. Füße zusammen, Flair , Abrollen --- und ich lande im weichen Kartoffelacker, weit entfernt von der Landefahne. Schnell stehe ich auf, ziehe die Steuerleinen auf einer Seite ein und laufe um den im Wind flatternden Schirm herum, der mich soeben noch so wunderbar durch die Lüfte getragen hat. Notdürftig mache ich mein Field-Pack10) und stapfe über den unebenen weichen Acker dem Landeplatz zu. Dort begegnen mir glückliche Gesichter, die genauso strahlen wie das meine. Wir haben unseren ersten Sprung geschafft!



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Fußnoten

1) So wird nach dem Absprung gezählt um eine zeitliche Kontrolle bis zum …Öffnen des Fallschirms zu haben
2) Rundkappe: Bezeichnung für einen runden Schirm im Gegensatz zum eckigen Matratzenschirm, dem Square
3) Standdown: bis zur angegebenen Zeit findet kein Sprung statt; die Springer brauchen sich nicht bereitzuhalten und können das Gelände verlassen
Standby: zur Zeit kann nicht gesprungen werden, es ist aber ständig damit zu rechnen. Die Springer bleiben in Bereitschaft
4) Ein Kontroll- und Informationspunkt
5) Beim Flair werden beide Steuerleinen stark angezogen um den Schirm in seiner Vorwärtsbewegung abzubremsen und dadurch eine sanftere Landung zu haben.
6) Reißleine/Fangleine, zieht den Schirm beim Sprung aus dem Container (Rucksack)
7) Der Raum, in dem sich der Springer bei der betreffenden Höhe befinden sollte um sicher im Landegebiet zu landen
8) Kleines rechteckiges Tuch, das die Leinen ordnet und deren Abstand bestimmt, bei einem korrekten …Öffnen des Schirms soll es sich unten befinden
9) Die Leinen haben sich umeinander gedreht; dadurch läßt sich der Schirm nicht richtig steuern. Ein Twist mit wenigen Drehungen ist beim Sprung mit Fangleine häufig und läßt sich leicht beseitigen.
10) Nach der Landung wird der Schirm grob zusammengepackt um ihn tragen zu können; erst später erfolgt dann das sorgfältige Zusammenlegen für den nächsten Sprung