Beziehungskisten

Elmar Woelm

So ist es wirklich aus? fragte er resigniert.
Ja, bestätigte sie.
Sie gingen am Ufer der Krummen Lanke entlang. Es war den ganzen Tag über warm gewesen, und die schwüle Luft lag schwer über der Stadt.
So konnte sie mit ihm nicht mehr zusammen sein. Er nahm ihr die Luft zum Atmen, wie dieser schwüle Tag. Ein leichter Wind ließ das Wasser kräuseln. Die Blätter rauschten. Nachdem ihr erster Freund sie auf übelste Weise betrogen hatte, nicht nur mit einer, hatte sie Ihn kennen gelernt.
Ihr erster Freund, das war ihre ganz große Liebe gewesen, ihre erste Liebe. – Sie hatte nicht gewusst, was für ein Arschloch er war! Sie war so unerfahren gewesen, und scheu. Sie hatte viele Jahre Partys gehasst, und die Tanzschule gehasst, die sie, wie jede 16-jährige, mitgemacht hatte weil man es halt tat. Sie konnte das affige Gehabe ihrer Mitschülerinnen nicht ausstehen, die so albern die Jungen umlagerten, und es war erniedrigend gewesen, warten zu müssen, ob sie jemand zum Tanzen aufforderte. Sie hatte es mitgemacht, weil es Teil dessen zu sein schien, was man halt tat. Ihre Füße waren ungeschickt gewesen, sie hatte sich verspannt, und wäre manchmal am liebsten davongelaufen.
Sie hatte nur Pferde im Sinn gehabt! Auf ihrem Rücken fühlte sie sich zu Hause. Wie so viele Mädchen, hatte sie schon als Kind die Begeisterung für Pferde entdeckt. Sie liebte die warmen Nüstern, ihr Schnauben, den Geruch von Heu und Stroh und das sanfte Getragen werden, wenn sie auf dem Rücken der Tiere geschaukelt wurde, das herausfordernde Kleben am Sattel im Trab, die schwingenden Wogen des Galopps. Hier war sie nicht tollpatschig, hier fühlte sie sich sicher, geborgen, eins mit den Tieren, die sie liebte. Und die Pferde liebten sie, so wie sie die Pferde liebte ...
Irgendwann war sie dann ihm begegnet, ihrem Ersten; auf irgendeiner unbedeutenden Party, zu der sie sich hatte überreden lassen. Auch er war Reiter; das hatte sie zusammengeführt. Doch er war ein Arschloch, und es hatte viel zu lange gedauert, bis sie es bemerkte. Viel zu lange!
Er hatte es verstanden, sie scharf zu machen! Er hatte ihre lange verborgene Leidenschaft für sexuelle Erregung zu wecken vermocht. Es war gewesen, als wäre ein Damm in ihr gebrochen. Ein neues Leben hatte begonnen, ein Leben von nicht gekannter Leidenschaft. Ja, er hatte es verstanden, sie wild zu machen und ihre Lust zu wecken! Sie war so geil gewesen, und sie hatte ihm vertraut. Sonst hätte sie sich ihm nicht auf diese leidenschaftliche Weise hingeben können. Viel zu plötzlich hatte sie sich auf einmal dieser Welt geöffnet, einer Welt, die sie mit sich riss, die auf nie gekannte Weise in sie eindrang, sie in jeder Faser durchfeuchtete, ohne dass sie richtig wusste, wie ihr geschah.
So lange, bis auf einmal diese Ernüchterung erfolgte, diese schmerzhafte Erkenntnis, dass er sie nur benutzt hatte, sie betrog und belog wo er nur konnte ...
Dann hatte sie Ihn kennen gelernt, als sie zum Studium in die große Stadt zog. Er war älter als sie – soviel älter, aber er strahlte Vertrauen aus, fast ein wenig diese Väterlichkeit, die sie zu Hause immer vermisst hatte ohne zu wissen was ihr fehlte. Es war das Geborgensein, das sie an ihm schätzte, die Erfahrung seiner Jahre, die ihr Beständigkeit vermittelte und Sicherheit: Sie war Studentin, er hatte bereits seit Jahren seinen Beruf. Er liebte diesen Beruf und füllte ihn mit Verlässlichkeit. Wie sie bald merkte, mit einer Verlässlichkeit, die oft wichtiger war als sie. Er lebte in Kreisen, die sich bereits eingerichtet hatten und es war natürlich gewesen, dass sie ihm dorthin folgte. Neugierig anfangs, und stolz dazu zu gehören, zu diesen Erwachsenen, unter denen sie sich bald aber fühlte wie eine zu schnell gealterte Weintraube. Wenn sie mit ihm einkaufen ging, konnte es vorkommen, dass sie ein Bonbon bekam, oder eine Scheibe Wurst beim Fleischer.
Er war ein guter Mann, ein männlicher Mann. Er würde sie tragen und beschützen, mochte kommen, was wolle. Sie fühlte sich sicher und umsorgt. Doch irgendetwas hatte sie mehr und mehr von ihm entfernt ...
Der Himmel über der Krummen Lanke hatte sich zugezogen. In der Ferne erhob sich ein leises Grummeln. Sie würden nass werden, doch was bedeutete das schon.
Er hatte sie als Frau genommen, aber irgendwie blieb sie mit ihm ein Kind. Er gab den Takt vor und sie folgte, ohne Zeit gefunden zu haben herauszufinden, ob dies auch ihre Musik sei. Sie studierte in dieser großen Stadt, und doch kam es ihr manchmal vor, als sei das nicht wirklich ihr Leben, als bestünde ihr eigentliches Leben nur mit ihm, und durch ihn, mit all den eingefahrenen verkrusteten Strukturen, die alles Neue unmöglich machen würden, die jede wirkliche Lebendigkeit erstickten. Er war wie ihr Vater, der mit ihr ins Bett ging. Er hatte begonnen, alles in die Hand zu nehmen was sie betraf.
Irgendwann war ihr klar geworden, dass sie zu jung war für dieses Leben, dass seine Liebe sie zu einer alten Jungfer machte, egal, wie oft sie sich ihm öffnete und lustvoll mit ihm zusammen war, egal, wie vertraut diese Art ihres Zusammenseins bereits war.
Eines hatte dann das Andere gegeben. Nun wussten beide längst, dass es vorbei war. Doch es gab auch all diese Erinnerungen. Erinnerungen und Sehnsüchte, Hoffnungen ...
Wie zufällig berührten sich ihre Hände, während sie so nebeneinander gingen. – Ein kurzer Schauer, ein kurzer Strom.
Sie wollte nicht mehr. Sie hatte es sich reiflich überlegt. Sie versuchte es ihm zu erklären. Die letzten Wochen hatten sie sich nur noch aneinander gerieben, gestritten, nur um an irgendeinem Punkt doch wieder gemeinsam im Bett zu landen; und es war schwerer als zuvor.
Es war schwer, sich gegen ihn zu wehren. Seine männliche Präsenz hüllte sie ein, auf eine Weise, der sie nur schwer widerstehen konnte; eine seltsame Mischung aus Verlangen, Macht und Lust.
Dann hatte er begonnen sie zu schlagen. Zu schlagen, weil sie ihm widersprach, zu schlagen, weil sie sich ihm entzog, zu schlagen, weil sie angeblich anderen Männern nachschaute. Da war es wirklich vorbei gewesen!
Nun machten sie diesen letzten Spaziergang, um noch einmal über alles zu reden. Er wollte sie nicht loslassen. Er begann in sie einzudringen. Sie wehrte sich. Es war vorbei, sie wollte sich nun für neue Dinge öffnen. Schließlich schwiegen sie. Es wurde still. Ihr Herz klopfte. Nur die Melodie der Natur, die überall erblühte, dessen Frische bald den Höhepunkt erreichten würde.
Wie oft waren sie um diesen See gegangen! Um diesen und die anderen. Hände haltend, träumend, streitend. Einmal hatten sie es nachts an seinem Ufer getrieben nachdem sie schwimmen gewesen waren – nackt, im Schein des wachsenden Mondes. Sie hatte ständig Sorge gehabt, es könnte jemand vorbeikommen, aber ihre Geilheit war stärker gewesen – welch bezaubernde Nacht!
Weißt du noch, damals, begann er, als sie an der bewussten Stelle entlang kamen. Sie wusste es noch, und es berührte sie warm. Doch sie wollte sich gar nicht erinnern, nicht jetzt und nicht mit ihm. Es war vorbei, und warum sich mit alten Erinnerungen quälen. All die verlorenen Hoffnungen waren schlimm genug, die bevorstehende Einsamkeit, der Verlust dieser vielen vertrauten Dinge. Sie erinnerte sich lieber an die Nacht, in der sie allein mit ihrer Freundin schwimmen gewesen war. Die Schwärze der Nacht, sie konnten fast gar nichts sehen. Die Tiefe des Wassers mochte unendlich sein wie der Himmel über ihr. Wie mochte es dort unten aussehen? Sie waren geschwommen und hatten sich an der Bewegung und dem Streicheln des Wassers auf der nackten Haut erfreut. Sie hatte am ganzen Körper ein so gutes Gefühl gehabt wie lange nicht ...
Die ersten Regentropfen fielen. Wetterleuchten. Das Grummeln war unmerklich mit jedem ihrer Schritte näher gekommen. Ringe auf dem Wasser des Sees, Ringe, die sich ausbreiteten, die dichter und dichter wurden. Bald würde der See anschwellen von den Fluten. Sie hatten noch eine halbe Stunde vor sich, bevor sie zu Hause waren. Es war egal. Jeder hing seinen Gedanken nach. Es waren so viele Worte gefallen.
Sie hatte vergessen, wie romantisch Regen sein konnte. Das Gewitter war fast über ihnen, die Tropfen fielen dicht auf dicht, drangen in kurzer Zeit überall ein, bis beide völlig nass waren. Große Pfützen füllten den Weg. Sie brauchten ihnen nicht mehr auszuweichen, die Sandalen waren eh schon nass. Alles war nass.
Sie genoss es, mitten hindurchzugehen. Es war wie ein Teil neu gewonnener Freiheit. – Ein Mädchen lief nicht einfach so mitten durch die Pfützen! Ein Mädchen durfte sich nicht schmutzig machen, ein Mädchen hatte nicht nass zu werden! Nun hatte sie es selbst in der Hand, und es war erregend. – Lichterspiel der Urgewalten, Regen, Donner und Wind klangen in ihr wie ein Liebeslied. Leicht und beschwingt.
Schließlich kamen sie in seiner Wohnung an, völlig durchnässt.
Nun unter die Dusche und trockene warme Kleidung an!
Geh du zuerst!
Nein du!
Okay.
Sie ließ die nassen Sachen auf den Boden fallen und drehte den Hahn an. Das warme Wasser auf dem Körper war herrlich. Ihr war kalt geworden, die Lippen blau. Sie ließ das Wasser über den Kopf und den Rücken laufen, stand so eine ganze Weile, um die Wärme in sich aufzunehmen, träumend. Dann seifte sich ein, um anschließend wieder weltentrückt das warme Strömen zu genießen das die weiche Seife von der Haut spülte.
Sie vergaß sich selbst, und sie hatte ihn vergessen, als ihr plötzlich einfiel, dass er wartete. Sie trocknete sich ab und zog eines seiner großen Oberhemden an. Es roch nach seinem Rasierwasser. Er würde ihr etwas leihen müssen, damit sie nach Hause kam.
Bin fertig, rief sie, als sie ins Zimmer kam. Er hatte die nassen Sachen ausgezogen und sie auf den Trockner gehängt. Auch ihre Kleidung hing dort: Shorts, Bluse, BH und die Unterhose. Er saß in eine Decke gehüllt auf dem Sofa und erhob sich. Wie aus alter Gewohnheit ging er auf sie zu und wollte ihr einen Kuss geben. Sie vergaß für einen Moment, dass sie Schluss gemacht hatte und beugte sich ihm entgegen. Es war so vertraut! Sie zuckte im letzten Augenblick zurück und wandte sich von ihm ab. Sie fühlte, dass er enttäuscht war und sah ihm nach, wie er im Badezimmer verschwand. Ein wenig bedauerte sie, dass sie sich nicht hatte in den Arm nehmen lassen. Alles erschien ihr so leicht und natürlich, nach diesem herrlichen Schauspiel der Natur und der heißen Dusche. Die Wärme hüllte sie auf angenehme Weise ein; sie fühlte sich entspannt und offen, alles war ganz weit geworden. Ein wohliges Gefühl des Geborgenseins.
Sie begann Wasser für den Kaffee aufzusetzen und füllte den Filter. Vage nahm sie wahr, dass sich zwischen ihren Beinen etwas regte: ein leiser und lieblicher Hauch von Lust und Begehren.
Sie stellte den Kaffee auf das Tischchen. Im Schrank fand sie eine Flasche Rum. Sie wickelte sich in eine Decke und setzte sich auf das Sofa, dort wo er vorhin gesessen hatte. Sie gab einen Schuss Rum zum Kaffee und rührte. Der heiße Schluck rann durch den Hals und füllte ihren Bauch mit feuriger Wärme. Wie gut es tat, der äußeren Wärme nun etwas Inneres hinzuzufügen. Die Wärme breitete sich aus. Deutlicher spürte sie jetzt, dass sie auch diesen scheuen Ort dort unten erreichte, sich die Wärme dorthin ausbreitete und sammelte. Sie bekam Gänsehäute! Sie liebte es, Gänsehäute zu haben! Sie bekam sie immer, wenn man ihr den Rücken kraulte. Sie hatte die Beine angezogen, die Knie mit den Armen umschlossen, das Kinn aufgestützt. Sie träumte.
Als er aus dem Badezimmer kam, trug er einen Bademantel. Er setzte sich zu ihr auf das Sofa, wo sie auch für ihn eine Tasse hingestellt hatte. Es waren ihre gewohnten Plätze. Sie rückte ein Stückchen von ihm fort, obwohl sie es gleichzeitig bedauerte. Es war so vertraut hier, mit ihm, und sie hatten wertvolle Stunden dort verbracht. Schade, dass es nicht mehr ging!
Er sah sie an, sie schaute fort. Sie war verlegen und schämte sich. Er nahm die Tasse und trank. Er hatte schöne Hände. Sie liebte schöne Hände. Sie hatte sich von ihnen immer beschützt gefühlt, von seinen Händen und seiner ganzen männlichen Art, die sie auch nun wieder so deutlich einhüllte. Sie hätte jetzt gerne seine Hand ergriffen, aber sie wollte kein falsches Zeichen setzten. Sie schaute ihn an, während er sinnend ein Bild auf der anderen Seite des Zimmers zu betrachten schien. Ihr wurde nun doch zu heiß, ihre Wangen glühten. Sie wickelte sich aus der Decke und goss sich eine weitere Tasse ein. Als sie sich wieder zurücksetzte, landete sie unwillkürlich auf ihrem alten Platz, näher bei ihm.
Trotz allem: es tat gut, ihn bei sich zu haben. Sie hatte ihn geliebt, nun mussten sie sehen, ob sie sich künftig auf andere, neue Weise würden begegnen könnten.
Ihre Augen trafen sich, und nun hielt sie stand. Ihre Hände ruhten auf den Schenkeln. Was war es, dass sie sich plötzlich wieder so sehr zu ihm hingezogen fühlte? Sie sah ihn an, sie fühlte seine Nähe, und konnte nicht verhindern, dass es zwischen ihren Beinen feucht wurde.
Ich werde dich mit dem Wagen nach Hause bringen, sagte er, während sein Blick sich bedauernd von ihr wandte. Du kannst das Hemd anbehalten und wir schauen mal, was wir sonst noch finden.
Ihre Hand nahm nun doch die Seine, zögernd. Es war, als flösse ein sanfter Strom. Sie drückte sie kurz. Er erwiderte den Druck. – Ihr Zeichen!Ich will nicht gehen, sagte sie nach einer Weile. Sie rückte näher heran, öffnete seinen Bademantel und setzte sich auf seinen Schoß. Komm, flüsterte sie, lass uns bumsen!