Begegnung in Felletin

Elmar Woelm

Ich saß auf der Terrasse eines Cafes in dem kleinen Städtchen Felletin, in Mittelfrankreich, und war in ein Buch über Aquarellmalerei versunken, das ich mir vor dem Urlaub gekauft hatte. Ich hatte mir vorgenommen, die entspannten Ferientage zum Malen zu nutzen und suchte mir nun das nötige Wissen darüber anzueignen.
Ein unscheinbarer älterer Herr saß an einem der Nachbartische und es war mir bereits aufgefallen, dass er mehrfach neugierig herüber sah. Schließlich nickte er mir freundlich zu und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. „Je vous en prie, si vous voulez“, antwortete ich in gebrochenem Französisch und wies mit der Hand auf den freien Stuhl neben mir.
„Sie interessieren sich für Malerei?“, fragte er mit Blick auf das Buch in fließendem Deutsch. Seine Stimme hatte nur einen leichten französischen Akzent. Ich nickte und erzählte ihm von meinen Urlaubsplänen. Wir unterhielten uns ein wenig, sprachen über dies und das, und später lud er mich ein, mit zu ihm nach Hause zu kommen. Er war mir sympathisch in seiner schlichten und unaufdringlichen Art, und so sagte ich zu.
In seiner Wohnung hing eine Reihe von Bildern namhafter Künstler. Ich gebe zu, dass ich nicht allzu viel davon verstehe und viele der Namen waren mir unbekannt. Während er ging, Gläser zu holen und eine Flasche Wein zu öffnen, schaute ich mir die kleine Galerie näher an. Er beobachtete mich, wie ich auf seltsame Weise berührt vor einem der Bilder stehen blieb. Ich wusste eigentlich gar nicht, was mich an dem Bild fesselte. Es war ganz schlicht, wirkte fast wie eine einfache Skizze, und doch hatte es eine Ausdruckskraft, die mich tief berührte. Es war, als könne ich in meinem Herzen die Bewegung der Hand des Künstlers und seine Stimmung spüren.
„Gefällt es Ihnen?“, fragte er mich.
Ich sagte: „Ja, irgendwie schon, obwohl es ja nichts Besonderes ist. – Ich glaube, das könnte ich auch noch hinkriegen.“ Der Herr brach in schallendes Gelächter aus und ich sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich wieder einzukriegen. Ich stand völlig verdutzt da und muss wohl ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben. Es war mir sehr peinlich, denn ich hatte offensichtlich in ein ziemliches Fettnäpfchen getreten.
Er entschuldigte sich: „Ich wollte Sie nicht beleidigen, bitte entschuldigen Sie. – Doch sehen Sie, dies Bild ist das kostbarste Werk in meiner Sammlung!“
„Ja –, aber –“, stotterte ich hilflos, „es sieht so einfach aus, es ist doch wirklich nichts Besonderes daran.“
„Genau das ist es“, erklärte er. „Es ist aus solch einer meisterhaften Leichtigkeit entstanden, dass es tatsächlich nichts Besonderes ist. Und doch gibt es heute nur wenige Künstler, die so etwas zustande bringen.“ Er schwieg einige Augenblicke lang. Dann fragte er: „Ist es nicht, als spräche der Künstler selbst zu Ihnen? Werden Sie nicht auf ganz besondere Weise vom Geist des Meisters beseelt? Die meisten Menschen sind trotz aller Brillanz viel zu sehr in der Technik verhaftet. Doch die Technik ist letzten Endes nur ein Hilfsmittel, um das, was aus dem Herzen erwächst, auf das Papier fließen zu lassen.“
Ich war verwirrt. Ja, etwas berührte mich auf besondere Weise, aber war das sichere Beherrschen des Handwerks nicht das, was einen Künstler auszeichnete? „Warum sollte man dann aber erst angestrengt eine Technik üben?“, fragte ich schließlich.
„Soll man das?“, antwortete er und fuhr dann fort: „Viele Kunstwerke werden von Menschen geschaffen, die nie eine Technik erlernt haben. Sie sind dadurch natürlich und frei. Frei und ungebunden von irgendwelchen Vorgaben und Vorstellungen. Beginnen solche Menschen nun, sich Gedanken um ihr Tun zu machen und fangen an, Techniken zu studieren, um ihr Können zu verbessern, erreichen sie oft genau das Gegenteil. Ihre Arbeiten werden immer schlechter.“ Ich sah ihn ratlos an.
„Verstehen Sie mich nicht falsch“, fuhr er fort, „ich habe nichts dagegen, ein sauberes Handwerk zu erlernen, im Gegenteil! Nur, die Technik und ihr ernsthaftes Studium dürfen nicht zum Selbstzweck werden – letzten Endes sind sie dazu da, überwunden zu werden, frei von ihnen zu werden. Solange du an der Technik haftest, kannst du kein wahres Kunstwerk schaffen.“
Ich verstand nicht was er meinte. Obwohl eine leichte Ahnung des Begreifens in mir aufstieg, schien er doch irgendwie in Rätseln zu sprechen und so fragte ich nach: „Wie das? Ich verstehe Sie nicht!“
„Wenn wir zur Welt kommen, sind wir noch ganz schlicht mit dem, was da ist verbunden. Wir sind ganz wir selbst und frei mit dem Wesen unseres Herzens im Einklang. Wir haben noch keine Trennung geschaffen zwischen uns und der Außenwelt. Schau dir einmal die Babies an!“ Er sah mich mit seinen freundlichen Augen an. „Doch das Baby ist abhängig von der Pflege und Fürsorge seiner Eltern. Das Kind erlebt sich bald als klein und hilflos und die Eltern als groß und stark. Und die Eltern haben immer Recht. Aber die Eltern verstehen das Kind nicht, sie haben den wahren Kontakt verloren. Im Laufe der Zeit gibt das Kind seine eigentliche Wirklichkeit auf, die ja offensichtlich so verschieden ist von der der Eltern. Das Kind ahmt sie nach, übernimmt ihre Trennung von dem was das eigentliche Wesen ausmacht und verliert so seine ursprüngliche Natürlichkeit. Wenn du schließlich erwachsen bist, hast du den Kontakt zu deinem wahren Sein vergessen. Du glaubst, was sie dir beigebracht haben und selbst wenn du zweifelst, bist du ganz in erlernten Konzepten gefangen, diskutierst auf ihrer Ebene, ohne jeden Kontakt zu deinem natürlichen Wesen. Wenn sich dein Herz doch einmal meldet, wirst du ihm misstrauen, da dein Verstand, vollgestopft mit Urteilen und Meinungen, es immer besser zu wissen scheint.“
Er griff zur Flasche und begann den Korkenzieher hineinzudrehen. „Wenn du als solch ein Mensch nun zum Pinsel greifst, um ein Bild zu malen, sind deine Hände verkrampft und dein Kopf sagt dir, wie du es zu machen hast, wie es gut und wie es falsch ist. Du glaubst diesen Vorstellungen und meinst, es fehle dir an Übung und an der nötigen Fertigkeit und so besuchst du eine Schule oder einen Lehrer, liest Bücher und beginnst die verschiedensten Techniken zu erlernen. Nachdem du ehrgeizig und fleißig einige Jahre so studiert hast, gelingt es dir immer besser, deine Vorstellungen in Bildern umzusetzen. –“
Er beendete die Schraubbewegung, stellte die Flache abrupt ab, ohne sie entkorkt zu haben und blickte mich eindringlich an. „An diesem Punkt hören viele Menschen auf. Sie bleiben einfach stehen, gehen nicht weiter. Sie sind zufrieden mit dem, was sie erreicht haben, denn oberflächlich betrachtet mögen ihre Werke vielleicht sogar meisterhaft erscheinen. Doch es ist kein wirkliches Leben in ihnen. Vielfach ist es sogar noch schlimmer, denn übervoll mit Wissen und allerlei Theorie, hat der Verstand noch mehr Nahrung bekommen und der Mensch ist der wirklichen Kunst ferner, denn je.“ Er schob die Flasche von sich fort.
„Wenn du nun Glück hast, spürst du, dass irgendetwas fehlt und wahrscheinlich stürzt du dich noch mehr auf das Üben, auf die weitere Perfektion deiner Fähigkeiten, aber es ist eigentlich nicht dies, was dir fehlt. Irgendwann kann es dann passieren, dass du die Technik vergisst. Sie ist dir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie dir nicht mehr bewusst ist.“
Wie unbewusst nahm er erneut die Weinflasche, während er weiter sprach. „Wenn du dich so ganz verlierst in deinem Tun, kann es geschehen, dass sich dein Herz öffnet und plötzlich entsteht es aus sich selbst heraus, aus der Verbindung zu deinem Herzen – und schon kannst du es nicht mehr lenken. ES führt dich, ohne dass der Verstand eingreift.
Kunst ist die schöpferische Kraft der Verbindung zum eigenen Innern mit der göttlichen Kraft in uns. Sie fließt frei, lässt sich nicht erzwingen und nicht planen. Das zu entwickeln, dass es geschehen kann, ohne eigentlich etwas zu tun, ist es, was den wirklichen Meister ausmacht. Alles andere ist nur stümperhaftes Machwerk.“
Mit einem satten „Plopp“ hatte er den Korken herausgezogen – mit einer leichten Bewegung, wie von selbst.
Aufmerksam hatte ich seinen Ausführungen zugehört. So hatte ich Kunst noch nie betrachtet. Seine Worte beeindruckten mich sehr. Ich begann zu verstehen, warum das Bild mich angerührt hatte. Bei all seiner Schlichtheit konnte ich die Lebendigkeit spüren, die es ausstrahlte und für einen kurzen Augenblick war ich seinem Schöpfer begegnet. Wie schnell hatte ich mich dann aber von meinen Wertungen ablenken lassen.
Der ältere Herr hatte anscheinend meine Gedanken verfolgt, denn er sah mich an und sagte: „Ich sehe, dass Sie verstehen und ich glaube, dass Sie das selbst bereits kennen. Vielleicht war es das, was mich vor dem Cafe zu Ihnen hingezogen hat. Als Sie vorhin das Bild betrachteten, konnte ich sehen, wie sehr es Sie berührte. Doch dann reagierten Sie wie viele Betrachter von Kunstwerken. Meistens sagen sie nicht, das gefällt mir, das gefällt mir nicht, das empfinde ich so oder so, es berührt mich auf diese oder jene Weise oder lassen das Werk einfach auf sich wirken.“
Scheinbar gedankenverloren führte er den Korken zur Nase und schnüffelte. „Nein, sie sind nicht wirklich in der Lage sich berühren zu lassen. Schon im ersten kurzen Augenblick löst es etwas in ihnen aus, doch sie gehen möglichst schnell darüber hinweg, als könnten sie es nicht ertragen und begeben sich rasch auf die gewohnte Ebene des Unfruchtbaren. Doch der ist das Wesen der Kunst nicht zugänglich! Welch ein Jammer, denn es entgeht ihnen, was die Kunst eigentlich zu bieten hat. Denn Kunst gilt es zu erleben, zu empfinden, so, wie du einen guten Wein schon trinken musst, um ihn genießen zu können.“
Mit einer eleganten Bewegung füllte er die Gläser. „Kunst ist keine Sache des Verstandes und keine der Technik, sondern eine des Herzens – auch für den Betrachter.“Als wir uns zuprosteten, lächelte er mich an. Ich nahm seinen Blick in mich auf und gab ihn zurück. Es lag ein besonderer Moment des Erkennens und Verstehens in diesem Schauen, den ich seitdem nicht mehr vergessen habe. Wir saßen noch eine Weile beisammen und tranken den Wein. Bis ich ihn schließlich verließ, sprachen wir kein Wort mehr, denn es war alles gesagt.